Die Gemeinde

Ausgewählte Stimmen von Gemeindemitgliedern, Angestellten, einer Nachbarin und Außenstehenden aus unterschiedlichen Zeiten bilden das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinde, die Bedeutung für die jüdischen Familien und die Wahrnehmung der Stadtgesellschaft ab, ebenso wie die Auswirkungen antisemitischer Verfolgung während der NS-Zeit. Einen kompakten Überblick über die Geschichte der Synagogengemeinde finden Sie in der Zeitleiste. Eine Ausstellung zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in 10 Rollups kann über das Stadtarchiv Solingen ausgeliehen werden. Kontakt: d.tobias@solingen.de

„Möge das Gotteshaus, das wir eingeweiht, der ewig dauernde Mittelpunkt unserer Gemeinde bleiben, in welchen die Gottesliebe und Gottesfurcht aus gläubiger Brust hinein und die Bruderliebe und Brudertreue aus warmen begeisterten Herzen hinausgetragen werde. […] Mögen auch die herrlichen Klänge, welche das schöne Weihefest vernehmen ließ, in der harmonischen Uebereinstimmung aller Herzen unserer Stadtbewohner noch lange nachhallen […], dann wird auch das Prophetenwort zur Wahrheit werden, welches lautet: ‚Mein Haus ist ein Bethaus für alle Nationen, wo alle Menschen als Kinder Eines Vaters am Throne Gottes niederknien und miteinander einen unverbrüchlichen, ewigen Bruderbund schließen werden!“

Lehrer Hirsch Laubheim zur Einweihung der Solinger Synagoge

Am 8. März 1872 weihte die jüdische Gemeinde Solingens ihre neu gebaute Synagoge ein. Es war ein Fest für die gesamte Stadt und ihre Bevölkerung. Der neoromanische Kuppelbau wurde für mehr als 60 Jahre zum Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens. Er bot 90 bis 100 Männern sowie 60 Frauen Platz, zudem umfasste er einen Wohnraum für den Gemeindelehrer.

Foto: Synagoge an der Malteserstraße. Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 15816


„Einen größeren Leichenzug hat unsere Stadt noch nicht gesehen. Es galt dem sel. Herrn Alexander Coppel, Ritter des Kronenordens IV. Klasse, Ehrenvorsitzenden des Synagogenvorstandes unserer Gemeinde, die letzte Ehre zu erweisen. […] Zu seinem größten Leidwesen konnte er bei Abnahme seiner Körperkräfte die Synagoge nicht mehr besuchen und ließ sich in seinem Hause die Wochenabschnitte vorlesen. Zur größten Freude seiner Angehörigen und der ihn verehrenden Gemeindemitglieder erschien der würdige Greis am Rosch haschana in der Synagoge, um seinem Sohne, Herrn Gustav Coppel, die Tekioth vorzusagen, und er entledigte sich der Pflicht mit einer hellen, klaren, Allen vernehmbaren Stimme. Tiefe Rührung herrschte bei diesem um so feierlicheren Act.“

Israelitisches Wochenblatt, 15.12.1878

Alexander Coppel senior, Gründer der Stahlwarenfirma Alexander Coppel Solingen, unterstützte den Bau der Solinger Synagoge maßgeblich. Er verstarb am 1. Dezember 1878.

Foto: Alexander Coppel senior, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 20070


„Ehrung des Herrn Geheimen Rathes Gustav Coppel anläßlich seines achtzigsten Geburtstages: Repräsentanten-Vers. beschließt einstimmig, dem Herrn Geheimrath an diesem Tage dadurch eine besondere Ehrung zu erweisen, daß die seitherigen Synagogengesänge zusammengestellt, in Buchform gebunden & jedem Gemeindemitglied ein solches Exemplar zugestellt werde. Es soll hierdurch auch für spätere Zeiten zum Ausdruck gebracht werden, welche hohen Verdienste Herr Geheimrath Coppel sich um unsere Gemeinde, speziell zur Hebung und Verschönerung des Gottesdienstes erworben hat.“

Protokoll der Repräsentantenversammlung vom 13. Juli 1910

Sowohl im wirtschaftlichen, wie im gesellschaftlichen und politischen Leben der Stadt Solingen nahm der Fabrikant Gustav Coppel eine herausragende Stellung ein. 60 Jahre war er im Vorstand der Synagogengemeinde tätig, davon 30 Jahre als ihr Vorsitzender. 1906 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Solingen ernannt.

Foto: Gustav Coppel, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 20067


„An Freitagen kam mein Vater früher nach Hause und badete und zog seinen besten Anzug für die Synagoge an. Er nahm mich an der Hand, ging stolz neben mir her und erlaubte mir neben ihm zu sitzen, im Bereich der Männer, nicht auf der Frauenempore, wo die Frauen am Shabbat Morgen saßen. […] Ich war immer glücklich, wenn ich neben meinem Vater sitzen und stehen durfte, fühlte mich als etwas besonderes und genoß seinen Gesang und liebte ihn dafür. Wenn mein Vater und ich Freitag Abend aus der Synagoge nach Hause kamen, brachten wir oft Fremde mit, die auf der Durchreise waren und sonst nirgendwo hin konnten oder zu arm waren, um ein Shabbat-Mahl zu halten.“

Bella T. Altura, „Golden America“

Bella Tabak, 1931 in Solingen geboren, mit ihrem Vater, dem Möbelhändler Sally Tabak und ihrer Mutter Rosa sowie der Großmutter Rywka. Die Familie floh 1939 über Belgien nach Frankreich und in die Schweiz und konnte nach dem Krieg in die USA emigrieren. 2014 veröffentlichte Bella Tabak Altura ihre Lebensgeschichte „Golden America – A memoir“.

Quelle: Bella T. Altura


„Presbyterium hält an seiner Auffassung fest, dass es sich nicht mit der Ehre und dem Wesen der evangl. Kirche verträgt, wenn eine in ihren Diensten stehende Organistin gleichzeitig in der Synagogengemeinde tätig ist. In Rücksicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse von Fräulein Sternsdorff wurde derselben gestattet, den Dienst in der Synagogegemeinde wieder aufzunehmen.“

Presbyterium Alt-Solingen an die Reichsmusikkammer

Da die Organistin Helene Sternsdorff nach 1933 auch weiterhin sowohl für die evangelische als auch für die jüdische Gemeinde arbeiten wollte, hatte sie sich hilfesuchend an den Fachverband der Reichsmusikkammer gewandt. Das Presbyterium von Alt-Solingen gab in seinem Schreiben an den Verband vom 29. Mai 1934 der Bitte der Musikerin nur unter Protest statt.

Foto: Helene Sternsdorff an der Orgel, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 10536


„In die Synagoge gingen wir zweimal im Jahr, das war an den großen Festtagen, sonst nie. Der eine Feiertag, das war der Jom-Kippur, das ist der Tag, an dem man nichts ißt. Ich glaube, das wurde gehalten, aber das war auch der einzige Tag, aber sonst gab es kein jüdisches Leben. Man war so gemischt, nicht?“

Heinz Feist in einem Interview mit Willi Kulke

Heinz „Enrique“ Feist war der Sohn des Fabrikanten Alfred Feist, der zusammen mit seinem Bruder Siegfried die Stahlwarenfirma „Josef Feist“ (Omega-Werk) führte. Heinz Feist übernahm die Auslandsvertretungen des Unternehmens in der Schweiz und in Portugal und konnte so sich und seine Angehörigen aus Deutschland retten. Die Familie war laut seiner Aussage nicht besonders religiös. Sein Onkel Siegfried Feist war der letzte Vorsitzende der Synagogengemeinde Solingen vor ihrer Auflösung.

Foto: Die Großfamilie Feist, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 20693


„Liebe Paula, was haben wir schwere Tage jetzt, wo nochmal alles los gelassen ist. Hier ist es doch schlimm und man ist ganz davon mitgenommen. […] Die Judenkirche haben sie gestern Nacht ausgebrannt und bis heute Abend soll nichts mehr davon zu sehen sein. Ich hatte mir gerade hinten aus dem Fenster noch den Turm besehen. Als ich in die Küche kam, da gab es einen furchtbaren Knall und da war alles weg. […] Allen den Juden wurde alles entzwei geschlagen und die Männer alle verhaftet. […] Die Friedhofskapelle ist auch ganz zerstört auf dem Judenfriedhof. […] Was ist das doch eine schwere Zeit, das schlimmste ist, dass das alles geschehen darf und alles ist still?“

Brief von Bertha Ginsberg

Die 78-jährige Witwe Bertha Ginsberg, eine tiefgläubige evangelische Christin, die an der Schwertstraße wohnte, schrieb ihrer in Hamburg lebenden Tochter Paula nach der Pogromnacht am 11. November 1938 über die Zerstörung der benachbarten Solinger Synagoge.

Foto: Luftaufnahme von 1938 mit Gymnasium Schwertstraße und der Synagoge, Quelle: Stadtarchiv Solingen


„Ebenso freundete ich mich immer mehr mit Emmi Leven an. (…) Obwohl sie und ihr Mann Max aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten und überzeugte Freidenker waren, blieben sie doch sehr stark jüdischer Lebensart verhaftet. So wurde bei ihr kein Kindergeburtstag in dem uns bekannten Sinne gefeiert, sondern nach jüdischer Sitte beschenkte das Kind an seinem Geburtstag die Mutter mit einer Blumengabe, weil sie ihm das Leben geschenkt hatte.“

Änne Wagner, „Gegen den Strom?“

Jüdische Traditionen bestimmten im Kaiserreich und der Weimarer Republik auch die Lebensweise vieler nicht religiöser Familien. Der Kommunist Max Leven arbeitete als Kulturkritiker für die KPD-Zeitung „Bergische Arbeiterstimme“ und war um 1919 aus der Gemeinde ausgetreten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war er nach 1933 jedoch wieder in die Gemeinde eingetreten. In der Pogromnacht 1938 wurde Max Leven von fanatischen Nationalsozialisten in seiner Wohnung erschossen und auf dem jüdischen Friedhof in Solingen beerdigt. Seine Frau Emmi und seine Töchter Hannah und Anita wurden später deportiert und ermordet. Sohn Heinz überlebte im Exil. Die Kollegin und Nachbarin Änne Wagner berichtete in ihrer Biographie „Gegen den Strom?“ von der Familie Leven.

Foto: Familie Leven mit einem unbekannten Mädchen, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 9298


„Solingen, im Mai 1942.
An die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Rheinland, Köln, Rubensstr. 33. Einer Anregung Ihres sehr geehrten Herrn Peiser gern entsprechend, übersenden wir Ihnen mitfolgend: 2 Leuchter, 1 Becher, 1 Gewürzbüchse, 1 Büchse. Wir geben uns dabei der Hoffnung hin, dass diese Kult-Gegenstände, die bei uns so oft die Weihestimmung des Gottesdienstes erhöht haben, auch an der neuen Stätte zur Erbauung beitragen, wenn sich unsere Glaubensbrüder zur Erhebung des Geistes und zum frommen Gebet versammeln.
Büro Solingen“

Georg Giesenow an die Kölner Synagogengemeinde

Georg Giesenow leitete nach der Auflösung der Solinger Synagogengemeinde seit Oktober 1941 das „Büro Solingen“ der „Reichsvereinigung der Juden“. Im Mai 1942 übersandte er Kultgegenstände der ehemaligen Solinger Gemeinde nach Köln. Zusammen mit seiner Frau Jenny hatte Georg Giesenow seit 1910 am Ufergarten ein Textilkaufhaus unterhalten. In der Pogromnacht wurde das Geschäft geplündert und zerstört. Das Ehepaar wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide ums Leben kamen. Die Familie ihrer Tochter Else konnte den Krieg in Belgien überleben.

Foto: Georg Giesenow, Quelle: Stadtarchiv Solingen