#closedbutopen Sally, Rosa und Bella Tabak

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

Das aus Polen stammende Ehepaar Sally und Rosa Tabak ließ sich 1928 in Solingen nieder und eröffnete 1931 ein Möbelgeschäft an der Tivolistraße, Ecke Ufergarten. Im selben Jahr kam Tochter Bella zur Welt.

Die Familie war in Solingen gut etabliert, und so zögerte Sally Tabak eine Auswanderung zu Verwandten in die USA so lange hinaus, bis es zu spät war kurzfristig Visa für die Einreise in die Vereinigten Staaten zu bekommen. Anfang November 1938 reiste Rosa Tabak daher zu Bekannten nach Belgien, um wenigstens Papiere für das Nachbarland zu besorgen.

Oben links: Purim-Feier 1935 in der jüdischen Gemeinde. Das kleine Mädchen in der Mitte ist Bella Tabak. Oben rechts: Das Kindermädchen Betty Reis. Unten: Familienportrait mit Sallys Mutter Rywka (links). Quelle: Bella Tabak Altura


Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November die NS-Schergen ihre Wohnung an der Johannisstraße überfielen, war Sally Tabak allein mit Tochter Bella und dem Kindermädchen Betty Reis. Er wurde auf die Straße geprügelt und halb tot geschlagen. Später brachten Polizisten ihn ins Stadtgefängnis und nahmen die siebenjährige Bella mit, die sich nicht von ihrem Vater trennen wollte.

„Ich schrie laut auf und wollte mich zwischen die Schläger und meinen Vater stellen. Die SS-Männer drehten sich zu mir um und brüllten: ,Sei still, du dreckiges Judengör, sonst schlagen wir dich auch!‘“

Bella Tabak Altura in ihren Memoiren

Nach einer traumatischen Nacht in der Zelle neben ihrem vor Schmerzen stöhnenden Vater holte das Kindermädchen Betty sie am nächsten Morgen an der Potsdamer Straße ab. Rosa Tabak bemühte sich nach ihrer Rückkehr aus Belgien, ihren Mann aus dem Konzentrationslager Dachau freizubekommen, wohin man ihn zwischenzeitlich verschleppt hatte. Ziel der massenhaften Internierung jüdischer Männer war, sie zur Auswanderung aus der Heimat zu bewegen.

Am 17. Januar 1939 konnte die Familie endlich nach Brüssel ausreisen. Doch auch hier waren sie nicht dauerhaft sicher. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchteten sie nach Frankreich, später in die Schweiz. Hier mussten Sally und Rosa Tabak getrennt in Internierungslagern arbeiten, die Tochter kam zu Pflegefamilien.

Erst 1947 konnten sie schließlich gemeinsam in die USA emigrieren. 2014 veröffentlichte Bella Tabak Altura ihre Memoiren. Sie schildert darin auch ihre Erinnerungen an die Kindheit in Solingen und die Misshandlungen des Vaters während der Pogromnacht.

Quellen:
– Bella Altura: Golden America, A Memoir, New York 2014
– Stadtarchiv Solingen, Foto Geschäft Taback RS 23704
– Stephan Stracke: Der Novemberpogrom 1938 in Solingen, Solingen 2018
– Solinger Geschichtswerkstatt – Manfred Krause (Hg.): „…dass ich die Stätte des Glückes vor meinem Tode verlassen müsste“ – Beiträge zur Geschichte jüdischen Lebens in Solingen. Solingen 2000, darin: Horst Sassin (Mitarbeit Patrick Hagner, Marisa Röder-Sorge): Pogrom vom 9./10. November 1938 in Solingen, S. 248 und 254

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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