Das Gerichtsgefängnis Solingen

Am 24. Mai 1898 wurde der dreistöckige hintere Anbau des Amtsgerichtes an der Wupperstraße einschließlich des Gefängnisses vollendet. Laut den Entschädigungsakten ehemaliger Verfolgter des NS-Regimes waren zwischen 1933 und 1945 etwa 50 von ihnen im Gerichtsgefängnis Solingen inhaftiert. Es diente in erster Linie der Untersuchungshaft und nicht wie das Gerichtsgefängnis Ohligs als Ort, wo die „Schutzhäftlinge“ aus der ersten Zeit der NS-Herrschaft eingeliefert wurden. In der Zeit der frühen Massenverhaftungen waren das Polizeigefängnis Solingen an der Potsdamer Straße, das Gerichtsgefängnis in Ohligs und das Rathaus in Wald die Orte, an denen die vielen willkürlich Festgenommenen zunächst eingesperrt wurden.

Zu den prominentesten Häftlingen des Solinger Gerichtsgefängnisses gehörten Albert Teichert und Willi Dickhut. Albert Teichert war einer der 20 Angeklagten einer Widerstandsgruppe, die 1937 vom Oberlandesgericht Hamm zu insgesamt fast 62 Jahren Haft verurteilt wurden. Ihne wurde der Wiederaufbau der KPD, die Herstellung und Verbreitung kommunistischer Druckschriften und das Hören des Moskauer Senders vorgeworfen. Willi Dickhut wurde Mitte September 1944 unter der Anklage „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Feindbegünstigung“ in das Gefängnis eingeliefert. Während des Luftangriffes auf Solingen am 5. November 1944 gelang ihm die Flucht aus dem beschädigten Gebäude. Er berichtete in seinen 1979 veröffentlichten Erinnerungen „So war’s damals – Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters 1926-1948“:

Jetzt brach die Hölle über die Solinger Innenstadt herein. Welle auf Welle gingen Spreng- und Brandbomben nieder. Eine Fliegerstaffel nach der anderen, und bei jeder Ladung Tod und Verderben. Der Wachtmeister und seine Frau hatten sich auf den Boden unter den Tisch gelegt und regten sich nicht. Über uns im zweiten Stock tobten wie wild die Gefangenen.

‚Herr Wachtmeister, geben Sie mir den Schlüssel!‘ schrie ich ihn an.

Er rührte sich nicht.

‚Die Zellen sind nur zugeriegelt!‘ erklärte der Kalfaktor.

Er stürmte hoch und schob die Riegel zurück, nur die letzte Zelle war verschlossen. Der Eingeschlossene hämmerte gegen die Zellentür.

‚Sei ruhig, ich hole den Schlüssel!‘

‚Herr Wachtmeister, der [Gefangene] Wacker ist noch eingeschlossen, geben Sie mir sofort den Schlüssel!‘

Wortlos reichte er ihn hoch. Beim Türöffnen fiel mir der Wacker um den Hals, er hatte Angst gehabt, wir würden ihn im Stich lassen.

Da, ein ohrenbetäubender Krach: Ein paar Luftminen waren unweit des Gerichtsgebäudes explodiert. Die vier Zentimeter dicke eisenbeschlagene Holztür zum Gefängnishof zersplitterte in Fetzen. Wir flogen durch den Luftdruck von den Bänken hoch. Der Schäferhund des Wachtmeisters zitterte vor Angst. Ich legte meinen Arm um seinen Hals und beruhigte ihn. Mit Dir muß ich gut Freund sein, dachte ich. Du darfst mich nicht verfolgen!

Dann setzte eine Pause im Luftangriff ein. Langsam ging ich hinaus und dann um die Ecke herum.

Karl Grah folgte mir: ‚Wo willst Du hin?‘

Ich legte den Finger an den Mund: ‚Still, ich haue ab!‘

Der große Innenhof des Gerichtsgebäudes war übersät mit Akten, die teilweise brannten. Der gewaltige Luftdruck hatte die Fenster und die Schränke in den Amtsstuben zertrümmert und die Akten nach draußen geschleudert.

Als ich den Bau hinter mir hatte, ging ich schneller, dann die Schwertstraße runter. Von einer Rasierklingenfabrik, die viel Packpapier gelagert hatte, schlugen die Flammen, vom Sturmwind getrieben quer über die Straße. Nu rannte ich durch die Flammen hindurch. Hier würde mir niemand folgen, auch der Wachhund nicht.

Menschen rannten wie irre über die Straßen. Sie waren aus den zerbombten Häusern herausgekrochen und wußten nicht wohin. Die Innenstadt war ein Flammenmeer, immer wieder explodierten Bomben mit Zeitzündern.


In den Lokalzeitungen gab es unter anderem folgende Berichte über die Häftlinge des Gerichtsgefängnisses:

Am Nachmittage wurde der bekannte kommunistische Funktionär Deis von der Steinstraße festgenommen und dem Gerichtsgefängnis in Solingen zugeführt. Es wurden in seiner Wohnung Flugblätter gesunden, die nicht den pressegesetzlichen Bestimmungen entsprachen und zum Massenstreik, Kampf gegen die Regierung usw. aufforderten.

Bergische Zeitung vom 1.3.1933

Vier weitere Festnahmen wurden am gestrigen Tage von der Polizei vorgenommen. Es handelt sich dabei um drei Kommunisten, bei denen verbotene Flugzettel vorgefunden wurden. Die drei Personen, die aus der Mittelgönratherstraße, Tiefendick und Krausen stammen, wurden festgenommen. Weiter wurde gestern früh ein Kommunist B. von der Dellerstraße festgenommen, der in dem dringenden Verdacht steht, an der Schießerei in Fuhr in der vergangenen Woche beteiligt gewesen zu sein. Auch er wurde in das Gerichtsgefängnis in Solingen eingeliefert.

Bergische Post vom 8.3.1933

Zwei kommunistische Funktionäre verhaftet. In Wiescheid konnte Polizei und SA zwei kommunistische Führer verhaften. In der Wohnung des einen wurde der Vervielfältigungsapparat gefunden, mit dem die „Kommunistische Dorfzeitung“ hergestellt wurde. Der Apparat wurde beschlagnahmt und weiter noch eine Schreibmaschine. Die Verhafteten wurden dem Gerichtsgefängnis Solingen zugeführt.

Opladener Zeitung vom 10.4.1933

Quellen:

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben