#closedbutopen Fritz Gräbe

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Hermann „Fritz“ Gräbe, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 23989

Hermann Friedrich Gräbe, genannt Fritz, wurde am 19. Juni 1900 in Gräfrath geboren. Sein Vater war Weber und wirkte jahrzehntelang in der Freiwilligen Feuerwehr Gräfrath mit, seine Mutter war Hausangestellte und brachte ihrem Sohn den christlichen Glauben nahe. Nach der Volksschule machte Gräbe zunächst eine Lehre als Werkzeugmacher, bevor er sich zum Architekt weiterbildete. 1924 heiratete er die Weberin Elisabeth Stader. Sohn Friedel wurde 1931 geboren.

Ende 1931 trat Fritz Gräbe der NSDAP bei, verließ sie aber Mitte der 1930er Jahre wieder. Wegen seines Einsatzes für einen jüdischen Geschäftsfreund wurde er ein halbes Jahr lang inhaftiert. Ein Verfahren wurde nicht eröffnet.

Ab 1938 arbeitete Gräbe für die Solinger Baufirma Josef Jung am Bau des sogenannten Westwalls. Seine „kriegswichtige“ Arbeit bewahrte ihn nach Kriegsausbruch vor einer Einberufung.

Retter in Wolhynien

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde Fritz Gräbe nach Wolhynien versetzt, wo er vor allem die Infrastruktur der Bahn wiederherstellen sollte. Er betreute unter anderem Baustellen in Sdolbunow, Rowno und Dubno.

Als das Getto in Rowno aufgelöst werden sollte, wo 80 seiner jüdischen Arbeiter lebten, schaffte es Gräbe in letzter Minute, 73 von ihnen zu retten, indem er sie als unabkömmlich für seine Baustellen anforderte. Er führte sie zwölf Kilometer zu Fuß bis nach Sdolbunow. Später stattete er Juden mit gefälschten „arischen“ Papieren aus und eröffnete weitere Büros zum Schein, um sie dort zu verstecken. Gräbe rettete auch Polen, die von ukrainischen Nationalisten verfolgt wurden.

Genehmigung zur Anforderung jüdischer Arbeiter aus dem Getto in Rowno, Quelle: Staatsarchiv Nürnberg, IMT, PS-2992, S. 1

„Der Kommandeur, SS-Sturmbannführer Dr. Pütz, ging an etwa 80 – 100 am Boden hockenden männlichen Juden auf und ab. Er hielt in der Hand eine schwere Hundepeitsche. Ich ging zu ihm, zeigte ihm die schriftliche Genehmigung des Stabsleiters Beck und forderte die 7 Leute, die ich unter den am Boden Hockenden erkannte, zurück. Dr. Pütz war sehr wütend über das Zugeständnis Becks.“

Eidesstattliche Erklärung von Fritz Gräbe von November 1945 über die Ermordung der Juden in Rowno, Quelle: NS-Archiv, Dokumente zum Nationalsozialismus

Am 5. Oktober 1942 wurde Fritz Gräbe Zeuge einer Massenerschießung auf dem Flugfeld nahe Dubno. Er sah, wie jüdische Männer, Frauen und Kindern gruppenweise an vorher ausgehobenen Gruben aufgereiht und von SS-Kommandos kaltblütig erschossen wurden. Insgesamt wurden bei dieser Aktion 5.000 Menschen ermordet.

Aussage vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg

Nach Kriegsende arbeitete Gräbe eng mit den amerikanischen Alliierten zusammen und half bei der Vorbereitung der Anklageschriften wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit („crimes against humanity“), die von Deutschen in Wolhynien begangen worden waren. Er war einer der wenigen Deutschen, die bei den Nürnberger Prozessen als Zeugen der Anklage aussagten.

In seinem Schlussplädoyer am 26. Juli 1946 zitierte Chefankläger Sir Hartley Shawcross ausführlich aus Fritz Gräbes eidesstattlicher Erklärung. Quelle: Robert H. Jackson Center

Nachdem er Morddrohungen erhalten hatte und keine Arbeit mehr in Deutschland fand, beschloss Gräbe 1948 in die USA auszuwandern. In San Francisco gelang es ihm, sich mit einer Baufirma selbstständig zu machen.

Der ehemalige Gebietskommissar im ukrainischen Sdolbunow, Georg Marschall, überzog mit Hilfe des ehemaligen NS-Juristen Friedrich Schümann als seinem Verteidiger Fritz Gräbe und elf überlebende Zeugen in den 1960er Jahren mit fragwürdigen Meineidsverfahren. Ende 1965 erschien ein Artikel im Magazin „Der Spiegel“, der die von Schümann lancierten verleumderische Fälschungen enthielt und von anderen Medien aufgegriffen wurde. Gräbe kehrte bis zu seinem Tode im Jahr 1986 nicht mehr nach Deutschland zurück.

Geehrt in Israel

1963 wurde die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem eingerichtet, um an den Holocaust zu erinnern. Fritz Gräbe war einer der ersten Deutschen, die 1965 für die Rettung verfolgter Juden als ein „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurden. Als er in Yad Vashem ein Bäumchen pflanzte, begleiteten ihn Juden, die er gerettet hatte, und ihre Familien.


Auch in den USA erhielt Herman F. Graebe, wie er sich hier nannte, verschiedene Auszeichnungen. Erst nach seinem Tod wurde sein mutiges Wirken auch in Deutschland wieder anerkannt. In Solingen-Gräfrath wurden das Jugendzentrum und eine Straße nach ihm benannt.

Im Jahr 2000 veröffentlichte der Eifeler Filmemacher Dietrich Schubert den Dokumentarfilm „In Deutschland unerwünscht – Hermann Gräbe“. Das Drehbuch dazu hatte Wolfgang Heuer geschrieben, der in der gleichnamigen von Douglas K. Huneke 1985 herausgegebenen Biographie die von Georg Marschall und Friedrich Schümann erhobenen Anschuldigungen widerlegt hatte.

Quellen:
– Horst Sassin: „Grä­bes Lis­te von 1942: Ret­tung aus ei­ne­m ­Po­grom in Row­no“, in: Die Hei­mat 21, Solingen 2005 und „Fritz Grä­be. Ein So­lin­ger Bau­in­ge­nieur im wol­hy­ni­schen Ho­lo­caust, in: Zeit­schrift des Ber­gi­schen Ge­schichts­ver­eins 97, Solingen 1999
– Stadtarchiv Solingen: Foto Fritz Gräbe, RS 23989
– Staatsarchiv Nürnberg: Genehmigung zur Anforderung jüdischer Arbeiter aus dem Getto in Rowno, IMT, PS-2992, S. 1
– NS-Archiv, Dokumente zum Nationalsozialismus: Eidesstattliche Erklärung von Fritz Gräbe
– Niedersächsisches Staatsarchiv Stade: Liste der Geretteten aus Rowno, Reg. 171a Stade Nr. 1628, S. 341f, Seite 1 und 4
– Robert H. Jackson Center: Schlussplädoyer Sir Hartley Shawcross, 26. Juli 1946
– Yad Vashem: Hermann Friedrich Gräbe
– Familie Graebe: Foto Yad Vashem
– Bastian Glumm: Foto Allee der Gerechten
– Dou­glas K. Hu­n­e­ke: „In Deutsch­land un­er­wünscht. Her­mann Grä­be. Bio­gra­phie ei­nes Ju­den­ret­ters“, Lü­ne­burg 2002

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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