#closedbutopen Hildegard Rubens

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Für die Nationalsozialisten galten psychisch kranke und geistig behinderte Menschen als Träger von Erbkrankheiten, die ausgemerzt werden mussten. Anfang 1934 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft.

Akte des Erbgesundheitsgerichts für Hildegard Rubens, Quelle: Stadtarchiv Solingen, SG 6357

Ob die 20-jährige Hildegard Rubens tatsächlich an „Schizophrenie“ litt, wie der Fürsorgearzt 1935 attestierte, oder ob die junge Frau lediglich durch unangepasstes Verhalten ins Visier der Nationalsozialisten geraten war, lässt sich anhand der Akten ihrer Verfolger nicht mehr aufklären. Ein „Gutachten“ im Rahmen des Antrags auf Sterilisierung hielt fest, dass Rubens sich angeblich auf Tanzböden herumtreibe und Beziehungen zu jungen Männern habe.

Hildegard Rubens war am 7. Mai 1915 als fünftes Kind des Vertreters Ernst Rubens und seiner Frau Anna (auch: Amanda) in Ohligs zur Welt gekommen. Sie hatte bis zur 7. Klasse die Volksschule besucht. Im Januar 1935 wurde sie in das evangelische Mädchenheim Quellenhof eingewiesen, zwei Monate später in die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen in Langenfeld. Dort stellte der Direktor Dr. Hermann einen Antrag auf Sterilisierung und führte eine fragwürdige „Intelligenz-Prüfung“ mit der jungen Frau durch. In der Akte zitierte er Hildegard Rubens mit den folgenden Worten:

„Ich denke manchmal zu viel. Ich denke über Gerechtigkeit nach. Wenn jemand was an sich hat[,] was schön ist, wollen die anderen es auch haben und wenn sie es nicht haben können[,] kann man doch nichts daran machen.“

Hildegard Rubens, 1935, Quelle: Stadtarchiv Solingen, SG 6357

Die Sterilisierung im Mai 1935 führte jedoch nicht wie von den Eltern erhofft zu einer Entlassung aus der Anstalt. Nach einem weiteren Aufenthalt im Quellenhof wurde sie 1936 wieder nach Galkhausen eingewiesen. Am 2. Mai 1941 gelangte Hildegard Rubens schließlich im Zuge der „Aktion T4“ von Galkhausen nach Hadamar, wo sie vermutlich am 21. Mai 1941 ermordet wurde.


Über das Selbstverständnis des Quellenhofs im Umgang mit Fällen wie Hildegard Rubens während der NS-Zeit gibt ein Zitat aus einem Jahresbericht des Betreibervereins von 1936 Aufschluss:

„Wenn irgendwo, dann kann man hier [in den Heimen] die ungeheure Macht der Erbfaktors im Menschenleben studieren. Ständig steht man vor der Frage: was kann denn Erziehung gegen solche Erbgebundenheit noch ausrichten? Wie manches pädagogische Talent scheitert hier, wenn es die Macht der Gebundenheit durch Erbanlagen an seinen Zöglingen erfahren muß.
Und doch wird immer einmal ein Augenblick kommen, da die beglückende Erkenntnis aufgehen wird: trotz aller Vererbung ist doch in engeren Grenzen die Möglichkeit der Erziehung da, trotz erbbedingter Anlagen kommt ein Mensch zu dem Entschluß, tapfer den Kampf gegen die Dunkelheit seines eigenen Wesens und Lebens aufzunehmen.“

Klara Winter, kommissarische Leiterin des Quellenhofs in den 1960er Jahren, skizzierte anhand der Jahresberichte die Geschichte der Einrichtung. Quelle: Der Quellenhof in Solingen. Seine Geschichte und seine Aufgaben, Solingen 1979

Die Anstalt Galkhausen war Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Gelände eines Gutshofs in Langenfeld als so genannte „Provinzial-Irren-Anstalt“ gegründet worden. In der NS-Zeit spielte die „Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen“ (heute: LVR-Klinik) als „Zwischenanstalt“ eine wichtige Rolle. Von hier aus wurden Patienten auch aus anderen Einrichtungen in Sammeltransporten in die Tötungsanstalten gebracht, allein 870 zwischen April und August 1941 ins hessische Hadamar. Doch auch die Zustände in der Galkhausener Klinik selbst sind in jener Zeit furchtbar gewesen: Die Patienten wurden nicht nur medizinisch schlecht versorgt, sondern mussten hungern und wurden in ungeheizten Sälen zusammengepfercht, was zu zahlreichen Todesfällen führte.

Die Israel-AG des Humboldt-Gymnasiums putzt seit 2018 den Stolperstein von Hildegard Rubens. Foto: Daniela Tobias

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen, SG 6357, Akte des Erbgesundheitsgerichts Wuppertal und Stolperstein-Biographie Hildegard Rubens (Armin Schulte)
– Stadtarchiv Langenfeld, Bild 1336: Zugtransport aus der Anstalt Galkhausen, 1943
– Klara Winter: Der Quellenhof in Solingen. Seine Geschichte und seine Aufgaben, Solingen 1979, siehe auch: zeitspurensuche.de: „Vor-Asyl“ und Mädchenheim Quellenhof
– Daniela Tobias: Stolpersteinfotos Hildegard Rubens, Hildener Str. 12

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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