#closedbutopen Zerschlagung des Widerstands

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 setzte eine umfassende Verhaftungswelle ein. Die Polizei- und Gerichtsgefängnisse in Solingen, Wald und Ohligs waren schnell überfüllt, sodass ein Teil der „Schutzhäftlinge“ in die neu entstandenen Konzentrationslager in Wuppertal, Brauweiler und ins Emsland gebracht wurde.

Die Solinger Linke blieb trotz der Verhaftungen und der schockierenden Erfahrungen in den Konzentrationslagern widerständig. In Solingen konnte die illegalisierte KPD im September 1934 noch eine beachtliche Zahl von 512 Mitgliedern kassieren. Die Druckerei von Georg Haberer in Ohligs an der Fürker Straße 30 versorgte noch in der zweiten Jahreshälfte 1934 die kommunistische Widerstandsbewegung reichsweit mit Druckerzeugnissen. Solinger Akteure wie Paul Claasen, Ernst Bertram und Wilhelm Reeks wurden zu leitenden Funktionären der kommunistischen Widerstandsbewegung im Bergischen Land und waren 1934-1936 am Wiederaufbau von freien Gewerkschaftsgruppen im Großraum Wuppertal beteiligt.

Erkennungsdienstliche Fotos von Georg Haberer. Quelle: Landesarchiv NRW Rheinland, Gestapo-Akten RW 58, Nr. 23100
Vertriebsschema der illegalen Druckerei Haberer in Solingen-Ohligs, nach Sbosny/Schabrodt, „Widerstand in Solingen“, Frankfurt am Main, 1975

Aus Sorge, dass der illegale Widerstand die anhaltende Wirtschaftskrise politisch nutzen könnte, schlug die Gestapo noch umfassender zu. Zahlreiche Widerstandskämpfer aus Solingen wurden 1934-1937 verhaftet und von dem Oberlandesgerichts Hamm (OLG) wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt. Drei Widerstandskämpfer, Ewald Peiniger, Willi Mertgen und Josef Becker, starben schon vorher in der „Untersuchungshaft“. Das zynische „Erfolgsrezept“ für die rasche Zerschlagung der Widerstandsgruppen hatte der Präsident des OLG, Ernst Hermsen, 1935 deutlich auf den Punkt gebracht: „Wenn man euch Kommunisten nicht prügelt wie räudige Hunde, so ist aus euch nichts herauszubekommen.“ Folterverhöre wurden von den Richtern gedeckt und für notwendig erachtet.

Das solidarische Milieu der Solinger Arbeiterbewegung erodierte zunehmend. Überzeugte Nazis, aber auch Nachbarn und Arbeitskollegen meldeten sich bei der Gestapo, wenn sie Verdächtiges bemerkt hatten. Ehemalige Genossen boten ihre Dienste als V-Leute an oder offenbarten Waffenverstecke und Anlaufstellen für illegale Literatur. Ehefrauen zeigten ihre politisch aktiven Männer an.

„Lichtwark hat immer illegal gearbeitet, er hat mit Karl Welter und Walter Nitsch gemeinschaftlich illegale Schriften gedruckt. […] In der Vernehmung sind sie vorsichtig, denn er gibt immer alles falsch an, […] was glauben Sie was hier augenblicklich gedruckt wird? Mit deutschem Gruss. Einer der sieht, was bei Lichtwark ein- und ausgeht. Ein Nachbar.“

Denunzierungsschreiben an den SD Düsseldorf, LAV NRW W, Q 211a / Generalstaatsanwaltschaft Hamm, Erstinstanzliche Strafsachen Nr. 10086

Vor den Strafsenaten des OLG wurden 1933-1945 insgesamt 272 Solingerinnen und Solinger in 63 Hochverratsverfahren angeklagt. Davon richteten sich allein 59 gegen Mitglieder der KPD und ihrer Nebenorganisationen. Darüber hinaus wurden Solinger in ausgewählten Fällen vom Volksgerichtshof verurteilt. Nach der Zerschlagung des politischen Widerstandes verlagerte sich die Repression auf Anklagen wegen sogenannter Heimtücke oder verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen, die vor den Sondergerichten verhandelt wurden.

Neben der KPD hatten sich insbesondere die sogenannten Zwischengruppen wie SAP und die trotzkistische „Linke Opposition“ (LO) im Solinger Widerstand engagiert. Die Solinger Struktur der SAP um Heinrich Schroth wurde schon im November 1933 zerschlagen. Insgesamt 6 Solinger SAPler standen vor dem Hammer OLG, drei Angeklagte wurden zu Haftstrafen verurteilt. Auch die „Linke Opposition“ um Ernst Walsken und Paul de Groote hatte sich mit den LO-Aktivisten aus Neuss, Gelsenkirchen und Köln vernetzt.

Weiterhin rege Aktivitäten entfaltete die in Solingen relativ starke KPO-Ortsgruppe. Sie war bis 1936 mit den Leitungsstrukturen verbunden und stellte Flugblätter und Informationsmaterialien her. Im Mai 1937 zerschlug die Gestapo die Solinger Gruppe. Josef Becker starb schon während der Vernehmungen in seiner Zelle. Artur Kossack war unter den unmenschlichen Bedingungen von Untersuchungshaft und Gestapofolter bereit, seine Kontakte zu offenbaren und sich der Gestapo als V-Mann anzubieten. Trotzdem wurde er zu einer hohen Haftstrafe verurteilt.

Ernst Gnoss. Quelle: Sbosny/Schabrodt, „Widerstand in Solingen“, Frankfurt am Main, 1975

1934 schlossen sich mindestens 10 Solinger Sozialdemokraten um Paul Kircheis, Max Richter, Fritz Schäfer und Ernst Gnoß einem illegalen Lesezirkel an, der von dem sozialdemokratischen Netzwerk um die Fahrer der Brotfabrik Germania in Hamborn mit illegaler Literatur versorgt wurde. Auf dem gleichen Weg wurden Stimmungsberichte für die SOPADE gesammelt. Im Herbst 1935 gelang es der Gestapo, das Widerstandsnetz zu zerschlagen. Der Kopf der Widerstandsgruppe Hermann Runge aus Moers und hunderte Kontaktpersonen wurden verhaftet. In einem Teilprozess wurden 1936 54 frühere SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre aus Remscheid, Solingen und Lüdenscheid vor Gericht gestellt. Darunter waren auch 12 Solinger. Die Angeklagten erhielten z.T. hohe Haftstrafen. Max Richter bekam 33 Monate Zuchthaus, Ernst Gnoß vier Jahre, weil man ihm nachweisen konnte, dass er an einer Konferenz der SOPADE (Exil-SPD) in Antwerpen teilgenommen hatte.

Die Knöchel-Organisation

Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erstarkte der kommunistische Widerstand wieder. 1942 gab es einen neuen Versuch, den kommunistischen Widerstand zu reorganisieren.. In ihren Flugblättern rief die nach dem ZK-Mitglied Wilhelm Knöchel benannte Organisation zum Langsamarbeiten und zu gemeinsamen Aktionen mit Zwangsarbeitern auf. Die Soldaten der Wehrmacht wurden aufgefordert, sich nicht am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu beteiligen. Kleine Streuzettel mit Aufdrucken wie „Wir wollen Frieden. Stürzt Hitler!“ sollten gegen den Krieg mobilisieren.

Für das Bergische Land war der Instrukteur Willi Seng verantwortlich. Er hatte schon 1934 Ernst und Lina Moll mit illegaler Literatur versorgt. 1942 besuchte er erneut die Molls, die bereit waren, ihm Quartier zu geben. Zu dem neuen Widerstandsnetz in Solingen gehörten auch Karl und Hedwig Müller sowie Johanne und Willi Westphal.

Erkennungsdienstliche Fotos von Ernst Moll. Quelle: Landesarchiv NRW Rheinland, Gestapo-Akten RW 58, Nr. 24525

Anfang Januar 1943 begann die Gestapo die Knöchel-Organisation zu zerschlagen. Auch Willi Seng wurde verhaftet. Unter Folter gab er Namen preis, darunter die seiner Solinger Kontaktleute. Am 13. März 1943 verhaftete die Gestapo Lina und Ernst Moll, Hedwig und Karl Müller, Johanne und Willi Westphal. Etwa 200 Personen aus dem Bergischen Land und dem Ruhrgebiet fielen den Massenverhaftungen zum Opfer. Mindestens 23 Todesurteile ergingen. Auch Willi Seng wurde zum Tode verurteilt und am 27. Juli 1944 in Köln enthauptet. Ernst Moll starb noch in der Voruntersuchung am 13. April 1944 im Gefängnis Wuppertal-Bendahl. Seine Frau Lina und auch die anderen Solinger wurden zu langen Strafen verurteilt.

Stolpersteine für Ernst und Lina Moll. Quelle: Stadtarchiv Solingen

Quellen:
– Sbosny/Schabrodt, „Widerstand in Solingen“, Frankfurt am Main, 1975
– LAV NRW W, Q 211a / Generalstaatsanwaltschaft Hamm, Erstinstanzliche Strafsachen
– Landesarchiv NRW Rheinland: Fotos von Ernst Moll, Gestapo-Akten RW 58, Nr. 24525 und Georg Haberer, Gestapo-Akten RW 58, Nr. 23100
– Stadtarchiv Solingen: Stolpersteine Ernst und Lina Moll
– Armin Schulte: „Man soll mich nicht vergessen!“ Stolpersteine in Solingen, Schicksale 1933-1945, Solingen 2020, darin: Josef Becker, Ernst Bertram, Paul de Groote, Willi Mertgen, Ernst und Lina Moll, Ewald PeinigerHeinrich Schroth und Wilhelm Reeks
– Detlev Peukert: Die KPD im Widerstand, Wuppertal 1980

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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