#closedbutopen Wahlergebnisse bis 1933

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Im Vordergrund das Gewerkschaftshaus an der Kölner Straße, rechts davon SBV- und AOK-Gebäude, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 22380 (Max Biegel)

Solingen war eine vom Protestantismus geprägte Industriestadt. Gleichzeitig war sie eine der Wiegen der deutschen Arbeiterbewegung mit bedeutenden Fachvereinen und Gewerkschaften sowie einer starken Sozialdemokratie. Solingen wurde erst 1929 durch die Zusammenlegung von (Alt-) Solingen, Höhscheid, Ohligs, Wald und Gräfrath eine Großstadt mit etwa 140.000 Einwohnern.

1917 zerbrach auch die Solinger SPD an der Zustimmung zum Krieg. Die Parteibasis in Alt-Solingen, Wald, Höhscheid, Gräfrath und Ohligs schloss sich mit übergroßer Mehrheit der Solinger USPD an. Bereits bei der Kommunalwahl im November 1919 erhielt die USPD in Wald, Höhscheid und Ohligs die absolute Mehrheit in den Stadtverordnetenversammlungen, in Alt-Solingen und Gräfrath wurde sie immerhin stärkste Kraft.

Die deutliche Mehrheit der Solinger USPD schloss sich 1920 der KPD an, nur eine Minderheit kehrte zur SPD zurück. Bei der Landtagswahl im Februar 1921 wurde die KPD in allen zukünftigen Solinger Stadtteilen zur Massenpartei: Sie konnte in der Folgezeit ihre Ergebnisse bis knapp über 40 Prozent steigern.

Ergebnisse der Kommunalwahlen in Solingen 1919–1933

Bis 1924: Stadt Solingen, Ohligs, Wald, Gräfrath und Höhscheid addiert, ab 1929: Groß-Solingen. Die Bürgerlichen Bündnisse aus DDP, DVP, DNVP und Zentrum wechselten in den einzelnen Wahlbezirken in unterschiedlicher Zusammensetzung. In der Darstellung fehlen Kleinstparteien. Quelle: Solinger Tageblatt, Bergische Zeitung, Ohligser Anzeiger

2. November 1919, tabellarische Darstellung nach Wahlbezirken
Partei Stimmen in % Mandate Aufgliederung nach Parteien Fraktionswechsel
addierte Stimmen von Stadt Solingen, Wald, Ohligs, Gräfrath und Höhscheid
USPD 27.783 51,90 97    
SPD 8.595 16,06 29    
DDP, DVP, DNVP 10.624 19,85 33    
Zentrum 6.528 12,20 21    
gesamt 53.530 100,00 180    
Stadt Solingen
USPD 8.921 45,07 22   15 zur VKPD 1920
SPD 3.660 18,49 9    
DDP 2.375 12,00 5    
DVP-DNVP 2.451 12,38 6    
Zentrum 2.386 12,05 6    
gesamt 19.793 100,00 48    
Wald
USPD 6.541 59,23 22   21 zur VKPD
SPD 1.545 13,99 5    
Z.-Mangenb. 569 5,15 1    
Z.-Wald 658 5,96 2    
DDP-DVP 1.730 15,67 6 4 DDP, 2 DVP  
gesamt 11.043 100,00 36    
Ohligs
USPD 7.002 55,43 20   12 zur VKPD
SPD 1.465 11,60 4    
DDP 1.007 7,97 3    
DVP 1.434 11,35 4    
Zentrum 1.725 13,65 5    
gesamt 12.633 100,00 36    
Gräfrath
USPD 2.120 49,28 15   12 zur VKPD
SPD 870 20,22 6    
DDP-DVP 642 14,92 4    
Zentrum 670 15,57 5    
gesamt 4.302 100,00 30    
Höhscheid
USPD 3.199 55,55 18    
SPD 1.055 18,32 5    
DDP-DVP 985 17,10 5    
Zentrum 520 9,03 2    
gesamt 5.759 100,00 30    
4. Mai 1924, tabellarische Darstellung nach Wahlbezirken
Partei Stimmen in % Mandate Aufgliederung nach Parteien Fraktionswechsel
addierte Stimmen von Stadt Solingen, Wald, Ohligs, Gräfrath und Höhscheid
KPD 24.117 32,55 50    
SPD 12.250 16,53 26    
Rep. 822 1,11 1 in Solingen  
Bürgerl. 36.901 49,81 78    
gesamt 74.090 100,00 155    
Stadt Solingen
KPD 9.038 31,96 13    
SPD 4.529 16,01 6    
Rep. 822 2,91 1    
Bürgerl. 13.894 49,12 21 DDP, DVP, DNVP, Zentrum 2 DVP zur WP 1926
gesamt 28.283 100,00 41    
Wald
KPD 5.237 35,35 11    
SPD 2.268 15,31 5    
Bürgerblock 7.311 49,35 16 3 DDP, 7 DVP, 2 DNVP, 4 Zentrum
gesamt 14.816 100,00 32    
Ohligs
KPD 5.076 30,76 10    
VSPD 2.142 12,98 4    
Vg. Bürgerl. 9.285 56,26 19 2 DDP, 10 DVP, 1 DNVP, 6 Zentrum
gesamt 16.503 100,00 33    
Gräfrath
KPD 1.806 30,90 7    
SPD 1.448 24,78 5    
Bürgerl. Liste 2.590 44,32 10 2 DDP, 3 DVP, 1 DNVP, 4 Zentrum
gesamt 5.844 100,00 22    
Höhscheid
KPD 2.960 34,24 9   7 zur KPO 1929
SPD 1.863 21,55 6    
Bürgerl.? 3.821 44,20 12 3 DDP, 1 DVP, 5 DNVP, 2 Zentrum, 1 WP
gesamt 8.644 100,00 27    

 

17. November 1929, tabellarische Darstellung
Partei Stimmen in % Mandate Aufgliederung nach Parteien Fraktionswechsel
Groß-Solingen
KPD 22.823 34,01 18    
SPD 10.160 15,14 8    
KPO 1.291 1,92 1    
Bürgerl. WG 23.072 34,38 19 3 DDP, 6 DVP, 3 DNVP, 4 Zentrum, 3 WP
Walder BüBl 1.852 2,76 1 Bürgerl. Vgg.  
Volksrechtsp. 3.034 4,52 2 Bürgerl. Vgg.  
EvWVg 3.586 5,34 2 Bürgerl. Vgg.  
NSDAP 1.294 1,93 1 Bürgerl. Vgg. bis März 1930  
gesamt 67.112 100,00 52    
12. März 1933, tabellarische Darstellung
Partei Stimmen in % Mandate Aufgliederung nach Parteien Fraktionswechsel
Groß-Solingen
KPD 26.178 31,59 17   Mandate annulliert
SPD 7.460 9,00 4    
Zentrum 6.938 8,37 4    
DNVP 3.593 4,34 2   zur NS-Fraktion
DVP (-DstP) 1.949 2,35 1   zur NS-Fraktion
CSVP-VRP 1.753 2,12 1    
Dt. Arb.-B. 108 0,13 0    
NSDAP 34.894 42,11 23    
gesamt 82.873 100,00 52    

Hermann Weber, KPD. Quelle: Stadtarchiv Solingen

1930 wurde der Solinger Kommunist Hermann Weber mit den Stimmen von SPD und Kommunistischer Partei-Opposition (KPO) zum ersten kommunistischen Oberbürgermeister einer Großstadt gewählt. Das Amt konnte er aber nicht antreten, weil das SPD-geführte Preußische Staatsministerium die Ernennung nicht bestätigte. Weber hatte es abgelehnt, den Eid auf die Verfassung abzulegen. Stattdessen wurde der sozialdemokratische Verwaltungsbeamte Josef Brisch als kommissarischer Oberbürgermeister eingesetzt.

Ergebnisse der Reichstagswahlen in Solingen 1920-1933

Bis 1928: Stadt Solingen bestehend aus Alt-Solingen und Dorp, ab 1930: Groß-Solingen. In der Darstellung fehlen DNVP und weitere Kleinparteien. Quelle: 50 Jahre Wahlen in Nordrhein-Westfalen 1919-1968, Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1969

Als die KPD 1928 ihre Angriffe gegen die sozialdemokratisch dominierten Freien Gewerkschaften verschärfte, kam es zu massiver innerparteilicher Kritik am politischen Kurs der KPD. Die Kritiker verteidigten die alte Einheitsfrontpolitik und wurden aus der Partei ausgeschlossen. Sie versuchten sich später als KPO zu reorganisieren.

Im August 1932 wurde Solingen in den Rang eines NSDAP-Kreises gehoben und der Arzt Dr. Helmut Otto zum Kreisleiter ernannt. Erst 1931 war er in die SA und die Partei eingetreten. Zu seiner Motivation für den Parteieintritt schrieb er 1948 rückblickend:

„Ich wurde mir völlig klar drüber, daß die bürgerlichen Parteien [vor] der brachialen Gewalt der Roten die Flagge streichen würden und daß nur eine einzige Partei eventuell noch Einheit gebieten könnte und das waren die Nationalsozialisten!“

Solinger Tageblatt vom 10. März 1933, Quelle: Stadtarchiv Solingen

Auch nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 und nach den Verhaftungen nach dem Reichstagsbrand konnte die KPD bei der – nicht mehr freien – Reichstagswahl am 5. März 1933 in Solingen noch 35,9 % der Stimmen erzielen. Erst jetzt überholte die NSDAP die KPD mit 39,3 %.

Mitentscheidend für die kampflose Machtübernahme der Nationalsozialisten war die Aufspaltung der Arbeiterbewegung in KPD und SPD, KPO und Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), in freie, christliche und kommunistische Gewerkschaften wie den sogenannten Einheitsverband der Metallarbeiter. Selbst Arbeiterkulturvereine wie die Naturfreunde, Arbeitersänger und Arbeitersportvereine spalteten sich.

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen: RS 22380, Solinger Tageblatt, Bergische Zeitung, Ohligser Anzeiger
– Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen: 50 Jahre Wahlen in Nordrhein-Westfalen 1919-1968, Düsseldorf 1969

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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