Kunstprojekt über Retter wie Hermann „Fritz“ Gräbe in Zdolbuniv

Wir freuen uns sehr, dass wir in diesem Sommer das Zdolbuniv-Museum als Projektpartner bei der Umsetzung eines internationalen Kunstprojekts unterstützen konnten. Das Goethe-Institut in der Ukraine hat die Entwicklung künstlerischer Interventionen zur Verfolgung, aber auch der Rettung von Jüdinnen und Juden in der Gegend um Zdolbuniv während des Zweiten Weltkriegs gefördert. Einer dieser Retter war der Solinger Architekt Hermann „Fritz“ Gräbe. Museumsleiter Oleksandr Chyzhevyskyi berichtete jetzt von den Ergebnissen, Erfahrungen und weiteren Plänen:

„,Topography of Rescue: Residency‘ war ein künstlerisch-historisches Residenzprojekt in Zdolbuniv in der Westukraine, das mit Unterstützung des Goethe-Instituts Ukraine realisiert wurde. Im Mittelpunkt standen die Geschichte des Holocaust in der Region, die Geschichten von Retterinnen und Rettern sowie die Frage, wie Erinnerung an individuelle Entscheidungen, Verantwortung und Menschlichkeit heute künstlerisch und öffentlich vermittelt werden kann.

Ein wichtiger Ausgangspunkt war die Geschichte Hermann Friedrich Gräbes. Das Projekt betrachtete seine Geschichte jedoch bewusst nicht isoliert. Sie wurde in einen breiteren Kontext gestellt: die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Zdolbuniv, die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, weitere lokale Rettungsgeschichten und die Frage, wie diese oft fragmentierten oder lange wenig sichtbaren Geschichten heute Teil der lokalen Erinnerung werden können.

Die Residenz war deshalb nicht als klassischer Aufenthalt gedacht, bei dem Künstlerinnen und Künstler bereits mit einer fertigen Idee anreisen und diese lediglich produzieren. Ein wesentlicher Teil bestand zunächst aus Recherche, Begegnungen und dem gemeinsamen Kennenlernen des historischen und lokalen Kontextes.

An der künstlerischen Arbeit beteiligten sich Daria Podoltseva, Maryia Proshkovska, Oleksandra Klod und Matthew O’Toole. Sie arbeiteten mit historischen Quellen, persönlichen Geschichten, lokalen Erinnerungsorten, Archivmaterialien und Gesprächen mit Historikerinnen, Historikern und Partnerinstitutionen. Uns war dabei wichtig, dass die Kunst die Geschichte nicht einfach ,illustriert‘. Jede und jeder der Beteiligten sollte eine eigene künstlerische Sprache für die Fragen entwickeln, die sich aus der Recherche ergaben.

Der Rechercheprozess führte die Teilnehmenden unter anderem zu Orten jüdischer Geschichte in Zdolbuniv und Rivne sowie zu Orten von Verfolgung, Gewalt und Erinnerung. Der Historiker Petro Dolganov führte in die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Zdolbuniv und in den lokalen historischen Kontext ein.

Von besonderer Bedeutung waren auch die internationalen Gespräche. Helen Gräbe, die Enkelin Hermann Gräbes, sprach mit den Teilnehmenden über die Familiengeschichte und den persönlichen Umgang mit diesem Erbe. Das Max-Leven-Zentrum Solingen brachte wiederum die deutsche Perspektive ein: eure Arbeit mit der Geschichte Hermann Gräbes in Solingen, Erfahrungen deutscher Erinnerungskultur und die Frage, wie lokale Institutionen mit schwieriger Geschichte arbeiten und darüber mit ihrer Gesellschaft in Dialog treten.

Online-Meeting der Künstler:innen mit Daniela Tobias vom Max-Leven-Zentrum, bei dem es um deutsche Formen und Entwicklungen der Erinnerungskultur ging.

Aus diesem Prozess entstanden vier sehr unterschiedliche künstlerische Arbeiten.

Daria Podoltseva entwickelte die räumliche Installation „Trajektorien des Vergessens“. Auf dem Boden des Museums wurden mit Kreide reale Geschichten von Menschen aus Zdolbuniv und der Umgebung festgehalten, die jüdische Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung retteten. Da sich die Besucherinnen und Besucher durch den Raum bewegen, werden die Texte nach und nach durch ihre Schritte verwischt. Jede Bewegung wird damit zugleich zu einer „Trajektorie des Vergessens“. Dem setzt die Künstlerin gläserne, beleuchtete Erinnerungsmarkierungen entgegen, die in einen Dialog mit der von Gunter Demnig entwickelten Praxis der Stolpersteine treten. Auch das Licht dieser Objekte ist nicht dauerhaft: Es benötigt Energie, Pflege und Aufmerksamkeit. Die Installation macht Erinnerung dadurch als etwas sichtbar, das nicht automatisch fortbesteht, sondern bewusste Arbeit verlangt.

Matthew O’Toole entwickelte die audiovisuelle Arbeit „ZDOLBUNIV / ZEUGEN“. Ausgangspunkt war zunächst eine sprachliche und klangliche Beobachtung: das deutsche Wort „Zeuge“ und der Name Zdolbuniv beginnen beide mit dem Buchstaben Z. Daraus entwickelte Matthew die Vorstellung von Zdolbuniv als einem „Ort des Zeugnisses“ und von Hermann Gräbe als einem Zeugen der Verbrechen, die er gesehen hatte. Die Arbeit verbindet verschiedene Ebenen von historischem und persönlichem Material: Dokumente und Protokolle der Nürnberger Prozesse, Fragmente aus Paul Celans „Todesfuge“, Ausschnitte aus einem Audiointerview mit Hermann Gräbe aus dem Jahr 1984 sowie persönliche Erinnerungen des Künstlers an seine eigene frühere Wahrnehmung der deutschen Sprache.

Ein zentrales visuelles und metaphorisches Motiv seiner Videoarbeit ist die Eisenbahnlandschaft von Zdolbuniv. Der heutige Bahnhof und die Gleisanlagen werden dabei nicht nur als vertrauter Teil der Stadt betrachtet, sondern zugleich als Teil einer europäischen Bildsprache, in der Eisenbahn, Deportation und die Erinnerung an den Holocaust eng miteinander verbunden sind. So verbindet Matthew lokale Gegenwart, historische Zeugenschaft, Sprache, Archiv und persönliche Erinnerung zu einer mehrschichtigen audiovisuellen Arbeit.

Maryia Proshkovska entwickelte „Alles noch hier“, ein langfristiges prozessuales Performanceprojekt. Während der Residenz arbeitete sie zwei Stunden lang in einer ehemaligen Frauenzelle im Keller des Museums. Zentimeter für Zentimeter füllte sie eine Papierfläche mit Graphit. Diese langsame, monotone und körperlich anstrengende Handlung wurde zu einer materiellen Spur von Zeit und zu einer Reflexion darüber, wie Erinnerung durch Wiederholung, Aufmerksamkeit und körperliche Präsenz entsteht.

Die Arbeit begann nicht in Zdolbuniv: Ein früherer Teil des Zyklus wurde in den Ruinen des Klosters Varatojo bei Torres Vedras in Portugal realisiert. In Zdolbuniv wurde das Projekt um einen neuen Ort und eine neue historische Schicht erweitert. Gleichzeitig zeichnet Maryia die Akustik jedes Ortes auf – das Geräusch des Graphits, das Radieren, Atem, Schritte, Stille und den Resonanzraum der Architektur. Diese Tonspuren werden nicht ersetzt, sondern übereinandergelegt. Gemeinsam mit Yurii Khustochka entwickelte sie daraus eine Audioebene, in der verschiedene Orte miteinander weiterklingen. Erinnerung erscheint hier nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als wachsendes Archiv, in dem jede neue Erfahrung die vorherigen Schichten ergänzt, ohne sie auszulöschen.

Oleksandra Klod realisierte mit „Zakhor“ einen partizipativen Happening. Die Arbeit führte die lokale Gemeinschaft zu einem Erinnerungsort der Ermordung jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner von Zdolbuniv während der deutschen Besatzung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden eingeladen, jeweils einen Stein auszuwählen, ihn auf einem gemeinsamen Weg zum Denkmal zu tragen und dort niederzulegen – in Anlehnung an die jüdische Tradition, Steine an Gräbern zu hinterlassen.

Das hebräische Wort „Zakhor“ bedeutet „Erinnere dich“ oder „Gedenke“. Oleksandra interessierte dabei besonders die Frage, wie Erinnerung nicht nur durch Texte, Archive oder Denkmäler, sondern durch gemeinsame körperliche Handlung weitergegeben werden kann. Am Ende des Happenings blieb neben dem Denkmal eine aus vielen einzelnen Steinen entstandene Form zurück. Jeder Stein stand für eine individuelle Handlung und zugleich für die Beteiligung der heutigen Gemeinschaft am Erinnern. Die Arbeit wurde außerdem als Video dokumentiert und ist dadurch über das einmalige Ereignis hinaus präsent.

Gerade die Unterschiedlichkeit dieser vier Arbeiten war für uns ein wichtiges Ergebnis der Residenz. Keine von ihnen versucht, eine einzige ,richtige‘ künstlerische Erzählung über den Holocaust oder über Rettung zu formulieren. Stattdessen entstanden vier sehr unterschiedliche Zugänge: über das allmähliche Verschwinden von Erinnerung, über Zeugenschaft und Sprache, über körperliche Dauer und akustische Spuren sowie über gemeinschaftliche Rituale des Erinnerns.

Parallel zur Entwicklung dieser Arbeiten fanden Artist Talks, Diskussionen, Performances und öffentliche Interventionen statt. Dadurch wurde die Residenz selbst zu einem offenen Prozess. Besucherinnen und Besucher konnten nicht nur fertige Werke sehen, sondern bereits während ihrer Entstehung mit den Künstlerinnen und Künstlern, ihren Fragen und ihren unterschiedlichen Methoden in Kontakt kommen.

Den Abschluss bildete die gemeinsame Ausstellung im Zdolbuniv Local History Museum. Die historische Recherche kehrte damit in den lokalen Raum zurück – nicht nur in Form von Dokumenten oder historischen Informationen, sondern durch zeitgenössische künstlerische Perspektiven. Gerade diese Verbindung war für uns wesentlich: Archiv und Kunst, lokale Geschichte und internationale Perspektive, historische Forschung und heutige gesellschaftliche Fragen.

Gleichzeitig verstehen wir „Topography of Rescue“ ausdrücklich nicht als abgeschlossenes Einzelprojekt. Die Residenz war vielmehr eine wichtige Etappe in einer langfristigen Arbeit, die wir gemeinsam mit unseren Partnern bereits seit mehreren Jahren entwickeln.

Ein nächster Schritt könnte eine noch stärker bilaterale deutsch-ukrainische Form sein. Wir möchten künftig Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und der Ukraine zusammenbringen und ihnen ermöglichen, sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland zu arbeiten. Dadurch könnten sie unterschiedliche Archive, Erinnerungsorte, lokale Gemeinschaften und Erinnerungskulturen kennenlernen und daraus gemeinsam neue künstlerische Arbeiten entwickeln.

Gerade Solingen und Zdolbuniv bilden dafür einen besonders interessanten Ausgangspunkt. Die Geschichte Hermann Gräbes verbindet beide Orte, während sich die lokalen historischen Erfahrungen und Erinnerungskulturen deutlich unterscheiden. Diese Verbindung möchten wir weiter erforschen – historisch, künstlerisch, pädagogisch und im öffentlichen Raum.

Langfristig sehen wir deshalb das Potenzial für ein größeres gemeinsames Programm: weitere Residenzen, vertiefte historische Forschung, neue künstlerische Produktionen, Ausstellungen in Deutschland und der Ukraine, digitale Formate, Bildungsarbeit und öffentliche Diskussionen.

Ein besonders wichtiger nächster Forschungsbereich ist für uns außerdem die weitere Arbeit mit den Biografien jener Menschen, die gerettet wurden. Unser Ziel ist es, hinter Namen und Zahlen wieder konkrete Menschen, Familiengeschichten und Lebenswege sichtbar zu machen.

Das sehr positive Feedback des Goethe-Instituts zu dieser ersten Residenz hat uns darin bestärkt, diesen Weg weiterzugehen und das Format künftig noch stärker deutsch-ukrainisch auszurichten.

Für uns ist diese Arbeit zugleich eine Fortsetzung unserer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Max-Leven-Zentrum. Der kontinuierliche Austausch zwischen Zdolbuniv und Solingen zeigt, wie zwei lokale Institutionen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam an einer Geschichte arbeiten können, die beide Orte miteinander verbindet – und daraus etwas Neues entwickeln können.

Und vielleicht gelingt uns bei der nächsten Phase endlich auch das, was diesmal nicht möglich war: nicht nur online zusammenzuarbeiten, sondern tatsächlich gemeinsam in Zdolbuniv und Solingen zu arbeiten und uns persönlich zu treffen.“

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