#closedbutopen Carl Paul Rotthaus

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

Carl Paul Rotthaus zog sich im Ersten Weltkrieg eine Hirnverletzung zu, die eine Epilepsie zur Folge hatte. Quelle: Dirk Rotthaus

Der Fall des Kriegsinvaliden Carl Paul Rotthaus, am 19. Juli 1880 in Solingen geboren, macht deutlich, dass es bei der nationalsozialistischen Euthanasie-Ideologie nicht um „Erbgesundheit“ ging, sondern dass „wertes und unwertes Leben“ vor allem nach Produktivität und Kosten bemessen wurde.

Die epileptischen Anfälle von Rotthaus rührten von einer Schädelverletzung her, die er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Bis 1939 konnte die Familie ihn noch zu Hause versorgen, aber die zunehmenden Anfälle erforderten eine permanente Aufsicht, sodass Rotthaus schließlich in der Anstalt Tannenhof in Remscheid untergebracht wurde. Die Anstaltsleitung versuchte sich der Erfassung ihrer Patienten im Rahmen des Tötungsprogramms „T4“ so gut es ging zu entziehen. Als 1943 im Tannenhof Plätze für Bombenkriegsopfer geschaffen werden
mussten, wurde Carl Paul Rotthaus zunächst nach Hausen in der Nähe von Linz am Rhein verlegt.

Carl Paul Rotthaus (rechts) mit Sohn Paul, Schwiegertochter Hanni und Enkel Dirk bei einem Besuch in der Anstalt Hausen Ende Mai 1943, Quelle: Dirk Rotthaus

Auch hier kam es wenig später zu einer Evakuierung, und Rotthaus wurde über Eglfing-Haar in die Anstalt Ecksberg in Bayern verlegt. Hier starb er im November 1943 im Alter von 63 Jahren in Folge des ein Jahr zuvor verabschiedeten Bayerischen Hungerkosterlasses. Arbeitsunfähigen Patienten wurde lediglich eine völlig fettlose „Sonderkost“ verabreicht, die in der Regel nach drei Monaten zum Tode führte. Auf seiner Sterbeurkunde ist als Todesursache Inanition, also Unterernährung, vermerkt.

„Name: Rotthaus, Paul; Geburtsdatum: 19.7.80;
Krankheitsform: traumatische Epilepsie;
Ausgeschieden: ungeheilt (†); gestorben 4.XI.1943;
Bemerkungen (Todesursache): Inanition.“

Aufnahmebuch Eglfing-Haar
Telegramm mit der Nachricht über den Tod von Paul Rotthaus, Quelle: Dirk Rotthaus

Der Enkel Dirk Rotthaus recherchierte die Geschichte seines Großvaters und veröffentlichte 2017 einen Beitrag über sein Schicksal im „Mühlrad“, einer Publikation des Geschichtsverein Heimatbund Mühldorf e.V..

Quellen:
– Dirk Rotthaus: Familienfotos
– Dirk Rotthaus: „Der Euthanasie-Mord an meinem Großvater Paul Rotthaus durch die Nationalsozialisten“ in: „Das Mühlrad“, Sonderdruck, 2017, Mühldorf am Inn

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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