#closedbutopen Karl Müller

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

Karl Müller, um 1960, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 27413

Der 1890 in Höhscheid geborene Karl Müller war seit seinem 18. Lebensjahr Mitglied der SPD. Der gelernte Messerreider wurde im Juni 1933 als Hilfsarbeiter bei den Solinger Verkehrsbetrieben entlassen. Auch sein Mandat in der Solinger Stadtverordnetenversammlung, das er seit März 1933 für die SPD innehatte, wurde ihm wie allen anderen Parteigenossen nach dem Verbot der SPD nur drei Monate später wieder entzogen.

Müller versuchte mit anderen Solinger Sozialdemokraten die inzwischen verbotene Partei in der Illegalität aufrechtzuerhalten. Er und der spätere nordrhein-westfälische Wiederaufbauminister Ernst Gnoß standen in Kontakt mit der Exil-SPD (SOPADE) in Arnheim und Brüssel. Als Gnoß und der frühere Gewerkschaftsführer Max Richter 1935 verhaftet wurden, floh Karl Müller in die Niederlande, später nach Brüssel und Antwerpen, wohin ihm 1937 auch seine Frau und sein Sohn folgten.

Die belgischen Behörden wiesen Karl Müller nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 nach Frankreich aus, wo er als „unerwünschter Ausländer“ in den Internierungslagern St. Cyprien, Gurs und Les Milles festgehalten wurde. Seine Familie schickte man zurück nach Deutschland.

„Ende Juni 1940 war zuvor das Lager von St. Cyprienne von einer deutschen Waffenstillstandskommission übernommen worden. Juden und politische Flüchtlinge, wie Müller und ich, wurden in eine besondere Abteilung verbracht und in der Folgezeit von französischer Gendarmerie im Auftrag der Deutschen weiterhin festgehalten.“

Aussage von Karl Rubner, Mithäftling von Karl Müller
Carl Rabus, St. Cyprien, Bleistiftzeichnung, 1940, Quelle: Bürgerstiftung für verfolgte Künste – Else-Lasker-Schüler-Zentrum – Kunstsammlung Gerhard Schneider im Zentrum für verfolgte Künste, © Maurice Adler

Neben den politischen Häftlingen füllten ab Oktober 1940 zahlreiche aus Südwestdeutschland deportierte Juden die südfranzösischen Lager. Karl Müller wurde im Sommer 1942 Zeuge des Abtransportes der jüdischen Mitgefangenen in die Vernichtungslager im Osten. Im November 1942 floh er mit Hilfe eines protestantischen Pfarrers aus dem Lager und lebte versteckt in den Cevennen, bis er im November 1944 in das bereits befreite Paris ziehen konnte.

Aussage von Karl Rubner zur gemeinsam durchlittenen Zeit in französischen Lagern, Quelle: Stadtarchiv Solingen, SG 16069

In Paris arbeitete er bis Oktober 1945 als Sekretär der Landesgruppe Deutscher Sozialdemokraten in Frankreich. Zurück in Solingen berief die britische Besatzung Karl Müller für die SPD in den ersten Solinger Stadtrat. Kurz darauf wurde er Gewerkschaftssekretär der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) Solingen.

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen: Portrait Karl Müller, RS 27413 und Wiedergutmachungsakte Karl Müller, SG 16069
– Armin Schulte: „Man soll mich nicht vergessen!“ Stolpersteine in Solingen, Schicksale 1933-1945, Solingen 2020, darin: Karl Müller
– Bürgerstiftung für verfolgte Künste – Else-Lasker-Schüler-Zentrum – Kunstsammlung Gerhard Schneider im Zentrum für verfolgte Künste: Carl Rabus, St. Cyprien, Bleistiftzeichnung, 1940, © Maurice Adler via Künste im Exil

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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