#closedbutopen Ernst Walsken

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

  • 27.12.1909 Ernst Walsken kommt in Solingen zur Welt
  • 1922 der Zwölfjährige hilft seinem Vater bereits in der Taschenmesser-Reiderei
  • 1928 Walsken lernt den Maler August Preusse kennen und will ebenfalls Künstler werden
  • ab 1929 Ausbildung zum Maler und Anstreicher
  • 1932 Beginn des Studiums der Malerei bei Prof. Heinrich Campendonk an der Kunstakademie Düsseldorf
Antrag auf Schülerfahrkarten für den Akademie-Besuch in Düsseldorf, Quelle: Gerhard Walsken aus „Warten auf die Freiheit“

Ernst Walsken war Mitglied der Linken Opposition (LO), in der sich die Anhänger Leo Trotzkis und andere Gegner Stalins sammelten. Die Ziele der LO-Gruppen waren die Abschaffung der „kapitalistischen Herrschaft“ und die Verhinderung des Krieges. Bereits Anfang 1933 setzten sich die ersten Freunde nach Holland ab. 1934 gehörte Walsken zu denjenigen Studenten und Professoren, die als „entartet“ aus der Düsseldorfer Akademie ausgeschlossen wurden.

Im November 1935 wurde Walsken verhaftet, 1936 fand der Prozess gegen die LO-Gruppe vor dem Oberlandesgericht Hamm statt. Sein Urteil: Vier Jahre Zuchthaus wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“. Es ging um Treffen, Spaziergänge, Diskussionen, Flugblätter, Bücher und Zeitungen.

Ernst Walsken wurde 1937 ins Strafgefangenenlager Esterwegen verlegt, später ins Lager Aschendorfer Moor. Während der Jahre im Emsland zeichnete er heimlich den harten Lageralltag, das Leiden und die Demütigungen der Häftlinge. Seine Mitinsassen deckten ihn, obwohl sich auch dort noch die unterschiedlichen linken Gruppen mit Argwohn begegneten. Walsken fertigte dort um die 180 Zeichnungen, Aquarelle und Papierschnitte an.

Papierschnitte aus der Serie „Warten auf die Freiheit“, Ernst Walsken, 1937–39, Quelle: Sammlung AK Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager e.V., Papenburg

„In Esterwegen war ich zufällig an schwarzes Papier gekommen, das als Isoliermaterial verwendet wurde. Irgendeiner gab mit eine Rasierklinge. Es entstanden meine schwarzen Papierschnitte.“

Ernst Walsken
Auszüge aus dem Kurzfilm „Ernst Walsken“ von Peter Holtfreter, Solingen 1984.
Selbstbildnis, Öl, 41 x 51, Ernst Walsken, 1945, Quelle: Solinger Künstler e. V.

Nach seiner Entlassung 1939 und seiner Heirat mit Adele Gottschalk wurde Walsken 1941 in das Bewährungsbataillon 999 eingezogen. In Tunesien lief er nach zwei Wochen zu den britischen Truppen über. Die Zeit bis 1946 verbrachte er in amerikanischer Gefangenschaft.

Zurück in Solingen konnte sich Walsken einen weiteren Besuch der Kunstakademie nicht mehr leisten und arbeitete in seinem eigenen Maler- und Anstreicherbetrieb. Das künstlerische Schaffen beschränkte sich auf die Freizeit. Er malte das kriegszerstörte Solingen.

Ernst Walsken haderte mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die von seinen Erfahrungen im Lager nichts wissen wollte. Erst mit der 1968er-Generation schöpfte er neue Hoffnung und knüpfte Ende der 1970er Jahre Kontakte nach Papenburg, wo ein Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) zu den Emslandlagern im Entstehen begriffen war. Seine Serie „Warten auf die Freiheit“, die zwischen 1937 und 1939 dort entstand, ist heute im Besitz des DIZ.

„Die Freiheit muss immer wieder neu erkämpft werden, ebenso die Demokratie. Sie kann nur dort bestehen, wo ein Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit die Befriedung der Bedürfnisse der Menschen von Geburt bis zu ihrem Tode sicherstellt. Es sind vielleicht Träume, werden Sie sagen, Illusionen: Wer aber keine Vision einer gerechten Gesellschaftsform ohne Gewalt hat, hat aus dem Zustand nach der sogenannten Machtergreifung, dem Regime der Kunst-, Bücher- und Menschenverbrennung, des Krieges und der Zerstörung nichts gelernt. Lernt ohne Gewalt die Freiheit zu erhalten. Wartet nicht bis es zu spät ist und die Gewalt alles wieder fortnimmt. Die Demokratie, die soziale Gerechtigkeit, die Freiheit der Kunst und des Wortes in Sprache und Schrift.“


Ernst Walsken, 1984, in „Warten auf die Freiheit“

  • Nach 1946 erste Kunstausstellung in Solingen, Eintritt in die SPD
  • 1953 Austritt aus der SPD nach deren Zustimmung zur Wiederbewaffnung
  • Ende 1970er erste Ausstellung der Zeichnungen aus den Emslandlagern in Papenburg
  • 1980er Jahre Interviews, Ausstellungen, Vorträge, Reisen
  • 1987 Schlaganfälle, wird pflegebedürftig und leidet am Locked-in-Syndrom
  • 22.4.1993 Ernst Walsken stirbt in Solingen
Ernst Walsken 1984 in seinem Atelier. Foto: Andreas Schäfer

Quellen:
– Sammlung AK Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager e.V., Papenburg: Papierschnitte und Zeichnung aus der Serie „Warten auf die Freiheit“, Ernst Walsken, 1937–39
– Ernst Walsken: „Warten auf die Freiheit“, Wuppertal 1984, Neuauflage Duisburg 2009
Peter Holtfreter: Kurzfilm „Ernst Walsken“, Solingen 1984.
– Landesarchiv NRW Westfalen: Q 211a / Generalstaatsanwaltschaft Hamm, Erstinstanzliche Strafsachen Nr. 8886 und Nr. 8902
Solinger Künstler e.V.: Selbstbildnis 1945 und „Ernst Walsken – Gemälde, Grafik, Zeichnungen“, Solingen 1991
Andreas Schäfer: Foto Ernst Walsken

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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