#closedbutopen „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

Zu den sogenannten „Vergessenen Opfern“ zählen nach wie vor die Verfolgten-Gruppen der „Berufsverbrecher“ und der „Asozialen“, die im KZ-System mit einem grünen bzw. schwarzen Winkel auf der Häftlingskleidung gekennzeichnet wurden. Erst am 13. Februar 2020 beschloss der Bundestag, diesen Opfergruppen einen angemessenen Platz im staatlichen Erinnern zu verschaffen. Auch wurde die Aufnahme in die Liste der Opfer von nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen beschlossen, womit ein Anspruch auf Entschädigungsleistungen verbunden ist.

Der Rechtsbegriff des „Berufsverbrechers“ wurde bereits in der Weimarer Republik eingeführt. Unter der NS-Herrschaft ermöglichte das „Gewohnheitsverbrechergesetz“ unbefristete „Sicherungsverwahrung“, sodass für die Betroffenen nach Verbüßen der eigentlichen Haftstrafe Sicherheitsverwahrung im Zuchthaus oder eine unmittelbare Überführung ins Konzentrationslager erfolgen konnte.

Sterbeurkunde von Werner Kolb, KZ Stutthof. Quelle: 01014102 oS/4525985, Arolsen Archives

Zu den sogenannten „Asozialen“ zählten unter anderem Wohnungslose, Alkoholiker und Prostituierte, die als „Ballast“ für die Volksgemeinschaft galten. Auch bei ihnen wurde ab September 1942 das Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“ angewandt, indem man sie zu besonders harter oder gefährlicher Arbeit heranzog, ohne sie angemessen zu versorgen oder zu schützen.

So landete der 1919 in Höhscheid geborene Werner Kolb während seiner Dienstzeit bei der Kriegsmarine wegen wiederholten Verstoßes gegen die Disziplin (u.a. Kameradendiebstahl, mangelnde Hygiene, Drücken vor dem Frühsport) zunächst in einer Sondereinheit, später im KZ Stutthof. Die dortigen Schikanen zeigten bald Folgen. Im Februar 1942 kam er mit Frostschäden und Bronchitis ins Lazarett, zwei Monate später erneut mit Fieber und Herzkreislaufproblemen, bevor er am 22. Mai 1942 an Flecktyphus verstarb. Die Familie von Werner Kolb wurde nie darüber informiert, wann und wo er ums Leben kam.

„K. ist unaufrichtig, völlig haltlos und besitzt eine ausgesprochen gemeine und hinterhältige Gesinnung. Durch sein wehrunwilliges Verhalten musste seine Entlassung und Überführung in ein Konzentrationslager herbeigeführt werden.“

Bericht aus dem Führungsbuch von Werner Kolb
Die Antirassismus-AG des Mildred-Scheel-Berufskollegs putzte 2018 den Stolperstein von Werner Kolb an der Mangenberger Straße. Quelle: Unterstützerkreis Stolpersteine für Solingen

Der Solinger Karl Braun hatte bereits ein langes Vorstrafenregister und eine umfangreiche Akte als Fürsorgefall vorzuweisen, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Sein Leidensweg lässt sich nicht mehr lückenlos rekonstruieren, jedoch wurde er am 5. Juni 1944 aus dem KZ Mauthausen in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz überführt, wo der entkräftete Häftling von der SS ermordet wurde.

„Der p. Braun hat seit frühester Jugend eine auffallende Neigung zu antisocialen Handlungen und Triebhandlungen. Besonders auffallend ist bei ihm der Wandertrieb. Schon mit 2 ½ Jahren machte er weite Ausflüge und musste von der Polizei aufgegriffen wieder nach Hause gebracht werden. Obwohl an sich fleissig, schwänzt er häufig ohne Grund die Schule, findet viel Geschmack an Räubergeschichten.“

Stadtfürsorgearzt Prof. Dr. Paul Selter 1922 in einem Gutachten über Karl Braun
Auch die Rheinische Provinzial-Fürsorge-Erziehungs-Anstalt am Halfeshof war ein Ort, von dem aus sogenannte „Fürsorgezöglinge“ in Konzentrationslager überstellt wurden. Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 548

Auch die Solinger Paul Plömacher und Ernst Hartkopf wurden 1941 in Sachsenhausen beziehungsweise 1943 in Dachau von ihren Verfolgern umgebracht, da ihr Verhalten und ihre Lebensweise nach Ansicht der NS-Verfolgungsorgane nicht dem Idealbild der propagierten „Volksgemeinschaft“ entsprachen. Insgesamt kamen mindestens 32 Solinger als „Berufsverbrecher“ und als sogenannte „Asoziale“ in Lagern ums Leben. Darüber hinaus gibt es bislang 20 bekannte Fälle, bei denen die genauen Hintergründe der Verfolgung nicht bekannt sind. Da in der Regel wegen Aussichtslosigkeit keine Wiedergutmachungsanträge gestellt wurden, ist eine hohe Dunkelziffer von Betroffenen wahrscheinlich.

Quellen:
– Armin Schulte: „Man soll mich nicht vergessen!“ Stolpersteine in Solingen, Schicksale 1933-1945, Solingen 2020, darin: Werner Kolb, Karl Braun, Paul Plömacher und Ernst Hartkopf
– Arolsen Archives: 01014102 oS/4649789, Häftlingspersonalkarte Arthur Steffens KZ Stutthof; 01014102 oS/4594093, Häftlingspersonalkarte Otto Peters KZ Stutthof; 01014102 oS/4525985 Sterbeurkunde von Werner Kolb KZ Stutthof
– Stadtarchiv Solingen: Postkarte Halfeshof, PK 548

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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