#closedbutopen Dr. Emil Kronenberg

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Dr. Emil Kronenberg war ein angesehener Solinger Mediziner, aufgewachsen im Geiste liberaler Humanität, die ihn prägte. In Leichlingen geboren, wurde er 1890 praktischer Arzt in Höhscheid, nach einem Fachstudium 1894 HNO-Arzt in Solingen. Das Judentum spielte in seiner Familie keine bestimmende Rolle. 1896 heiratete er Adele Becker, die aus einer evangelischen Kaufmannsfamilie stammte. 45 Jahre später bewahrte ihn die „Mischehe“ zunächst vor der Deportation.

Kronenberg publizierte rege über seine in der Praxis gewonnenen medizinischen Erkenntnisse, trat Ärzteorganisationen bei und amtierte jahrelang als deren Vorsitzender. Gemeinsam mit drei Kollegen gründete er 1899 die Fachklinik Bethesda an der Friedrichstraße. Im Ersten Weltkrieg diente er als Oberstabsarzt an der Westfront. Die Zeit des Kriegsbeginns beschrieb er in seinem Tagebuch.

Links: Das Ehepaar Adele und Dr. Emil Kronenberg, Quelle: Stadtarchiv Solingen, Na 25-21; rechts: Dr. Emil Kronenberg (in der Bildmitte sitzend mit Rotkreuz-Binde) im Feldlazarett während des Ersten Weltkriegs, Quelle: Stadtarchiv Solingen, Na 25-20


Darüber hinaus waren ihm und seiner Frau das gesellschaftliche Engagement wichtig. Für politische Mandate kandidierte Emil Kronenberg nicht, arbeitete aber zu Beginn der Weimarer Jahre für die DDP in den städtischen Ausschüssen für Gesundheit und Bildung mit.

Im Jahr 1933 musste er alle Ehrenämter aufgeben. Seine Kassenpraxis wurde eingeschränkt, 1938 verlor er die Approbation. Die berufliche Ausgrenzung war mit persönlichen Demütigungen verbunden, besonders das seit 1941 obligatorische Tragen des stigmatisierenden Davidsterns. Als im Juli 1942 die verbliebenen Juden, soweit sie nicht in „Mischehe“ lebten, deportiert wurden, übernahm er die Leitung des Büros Solingen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

„Wohl Euch, die hingegangen
Ihr noch zu rechter Zeit.
Die heute nicht umfangen
von Not und Schmach und Leid.

Die Ihr im engen Bette
der Finsternis ruht aus:
wie weit ist Eure Stätte,
wie licht ist Euer Haus.
Wohl Euch, Ihr wackern Stürmer,
legt friedlich Euer Haupt.
Euch haben nur die Würmer
das Erdenkleid geraubt.

Euch schänden nicht die Buben
der Seele Ehrenkleid.
O! Ihr in dunklen Stuben,
wie glücklich Ihr doch seid!“

Gedicht von Dr. Emil Kronenberg, in dem er schon Mitte 1933 die Toten beneidet, die die Demütigungen durch die herrschenden Nationalsozialisten nicht mehr ertragen müssen. Quelle: Stadtarchiv Solingen, Na 25-12

Am 22. Oktober 1943 starb Adele Kronenberg auf dem Weg in einen Luftschutzkeller an Herzschlag. Dr. Emil Kronenberg fing man im September 1944 nach einem Besuch am Grab seiner Frau ab. Zusammen mit sechs weiteren Solingerinnen und Solingern wurde er über Berlin nach Theresienstadt deportiert. Hier erlebte der 80-jährige 1945 die Befreiung, kehrte nach Solingen zurück und kämpfte um Wiedergutmachung.

„Ich halte es für verhängnisvoll, wenn Hass und Rachsucht eine maßgebliche Rolle spielen, weil man damit niemals zu einer Verständigung kommt.“

Dr. Emil Kronenberg, September 1950

Dr. Emil Kronenberg trat in die neu gegründete FDP ein und engagierte sich wieder im städtischen Bildungsausschuss. Die Literatur blieb seine private Leidenschaft. Am 1. September 1949 nahm Kronenberg als Ehrengast an der 50-Jahr-Feier des Bethesda-Krankenhauses teil. Er starb am 31. März 1954 und wurde neben seiner Frau Adele auf dem Friedhof Kasinostraße beigesetzt.

Das Gebäude der Stadtbücherei und der Volkshochschule, die aus dem Engagement Kronenbergs in der Solinger Lesegesellschaft hervorgegangen sind, trägt heute seinen Namen. Im Januar 2019 wurden für das Ehepaar Kronenberg an ihrer letzten Adresse an der Katternberger Straße Stolpersteine verlegt.


Quellen:
– Armin Schulte: „Man soll mich nicht vergessen!“ Stolpersteine in Solingen, Schicksale 1933-1945, Solingen 2020, darin: Dr. Emil und Adele Kronenberg
– Wilhelm Bramann: Emil Kronenberg. Solinger Arzt und Schriftsteller, Solingen 2002
– Stadtarchiv Solingen: Nachlass Emil Kronenberg, Na 25

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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