Kölner Straße 45

Links: Postkarte von ca. 1930, links: Gewerkschaftshaus Kölner Str. 45, dahinter Spar- und Bauverein und AOK, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 22380
Rechts: aktuelle Aufnahme, Juli 2020, Foto: Daniela Tobias

Die 1901 gegründete Gewerkschaftshaus-Genossenschaft kaufte im Januar 1904 das „Hotel Eggers“ an der Kölner Straße nachdem zuvor der Ankauf des „Kaisersaals“ am Mühlenplatz an einer nötigen Ratsmehrheit gescheitert war.

1924/25 trat die Genossenschaft das Nachbargrundstück an den → Spar- und Bauverein und die → AOK ab, die hier ihre neuen Verwaltungsgebäude errichteten. Auch das Gewerkschaftshaus wurde im Zuge dieser Baumaßnahme umgebaut, erweitert und die vom Jugendstil beeinflusste Fassade vereinfacht, so dass sich ein einheitliches Erscheinungsbild ergab. In dem Gebäudekomplex drückte sich das Selbstbewusstsein der Solinger Arbeiterbewegung dieser Zeit aus.

Oben links: Postkarte Gewerkschaftshaus, Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 291; oben rechts: Gewerkschaftshaus vor 1929, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 19917; unten links: Gewerkschaftshaus nach der Umgestaltung der Fassade 1929, rechts anschließend: SBV und AOK. Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 22380; unten rechts: Fund des Grundsteins (Um- und Erweiterungsbau) des ehemaligen Gewerkschaftshauses vom 1.10.1905, links: Hubert Mallmann (ST vom 14.3.1955), Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 24450


Das dreigeschossige Gewerkschaftshaus beherbergte neben einem Tagesrestaurant und Versammlungsräumen auch einen Konzertsaal für bis zu 400 Personen. Hinter dem Haus befand sich eine Gartenwirtschaft mit 4000 qm. Der Hotelbetrieb verfügte über 21 Betten.

1926 übernahm Alfred Sobotki die Pacht der gewerkschaftseigenen Gaststätte. Schwiegersohn Ernst Bettenhausen half ebenfalls im Betrieb mit und wurde im Adressbuch als Hausmeister geführt, in der Einwohnermeldekarte als „Büffetier“. Als im August 1931 der Pachtvertrag der Gaststätte gekündigt wurde und der → Deutsche Metallarbeiterverband (DMV) die Wirtschaft in Eigenregie weiterführte, wurden Alfred Sobotki und Ernst Bettenhausen arbeitslos.

Oben links: Restaurant im Gewerkschaftshaus, Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 5369; oben rechts: Alfred Sobotki. Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 16309; unten links: „Sängersaal“ im Gewerkschaftshaus, Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 5370; unten rechts: Gartenlokal Gewerkschaftshaus, Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 5372und RS 22377


Der sozialdemokratisch dominierte Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) hoffte auch in Solingen, dass seine Gewerkschaften vom NS-Regime verschont bleiben würden, und bot nach der Machtübernahme seine Mitarbeit an. So hatte der ADGB gemeinsam mit der NS‑Gewerkschaft „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation“ (NSBO) zur 1. Mai-Feier eingeladen.

Am 2. Mai 1933, an dem reichsweit die Gewerkschaftshäuser besetzt und Gewerkschafter verhaftet wurden, wandte sich der → Sozialdemokrat Max Richter als Vorsitzender des örtlichen ADGB gemeinsam mit Heinz Auelmann, dem Anführer des Solinger NSBO, an die Mitglieder der Freien Gewerkschaften: „In welcher Form […] die deutschen Gewerkschaften aufgebaut werden, steht zwar im einzelnen noch nicht fest, fest steht jedoch, dass mit der Durchführung der Gleichschaltung auch der Gedanke der Einheitsgewerkschaft verwirklicht werden wird.“ Die Anbiederung nützte nichts. Die Freien Gewerkschaften konnten in Solingen ohne jeglichen Widerstand aufgelöst und ihre Mitglieder in die Deutsche Arbeitsfront überführt werden.

Links: Haus der D.A.F. und Allg. Ortskrankenkasse, 1934, Quelle; Stadtarchiv Solingen, PK 3496 (Max Biegel); oben rechts: Aufforderung der freien Gewerkschaften, sich an den nationalen Feierlichkeiten zum 1. Mai 1933 zu beteiligen. Quelle: Stadtarchiv Solingen, Solinger Tageblatt; unten rechts: Anzeige im Adressbuch von 1936. Quelle: Stadtarchiv Solingen


Quelle: Stadtarchiv Solingen, Solinger Tageblatt

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte auch Alfred Sobotki als Jude und Sozialdemokrat keine Chance mehr eine feste Anstellung zu finden. Ernst Bettenhausen holte sich in der Pogromnacht eine Lungenentzündung, als er mitten in der Nacht den Schwiegereltern zu Hilfe eilte. Er starb am 29. Januar 1939 an den Folgen. Alfred und Johanna Sobotki wurden zusammen mit ihrer Tochter Alice Bettenhausen im Oktober 1941 nach Lodz deportiert und später ermordet.

Das durch Bombenangriffe schwer beschädigte Grundstück an der Kölner Straße 45 gelangte 1949 zurück an die IG Metall, die in den 1950er Jahren ein neues Gebäude an gleicher Stelle errichtete, das bis 2002 von Gewerkschaften genutzt wurde.

Adressbuch 1925:
– Gewerkschaftshaus Solingen eGmbH
– Deutscher Metallarbeiter-Verband
Adressbuch 1927:
– Gewerkschaftshaus Solingen eGmbH
– Alfred Sobotki, Geschäftsführer
Adressbuch 1929:
– Gewerkschaftshaus Solingen eGmbH
– Alfred Sobotki, Geschäftsführer
Adressbuch 1931:
– Gewerkschaftshaus Solingen eGmbH
– Ernst Bettenhausen, Hausmeister
– Alfred Sobotki, Wirt
Adressbuch 1938:
– Deutsche Arbeits-Front
– Restaurant Klingenhof
– Kassenärztliche Vereinigung
– Reichsärztekammer

Quellen:
– „Reformführer NRW, Soziale Bewegungen, Sozialreform und ihre Bauten“, Klaus Novy, Arno Mersmann, Bodo Hombach [Hrsg.], Köln 1991
– „Das Volkshaus der Arbeiterbewegung in Deutschland: Gemeinschaftsbauten zwischen Alltag und Utopie“, Anke Hoffsten, Köln 2017

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