#weremember Cilly Rosenbaum

An der Düsseldorfer Str. 46 liegen seit 2006 zwei Stolpersteine für Abraham und Lia Rosenbaum, einen hier ansässigen Schuhhändler und seine Tochter. Was aus Abrahams Frau Cilly Rosenbaum geworden ist, war bis zuletzt unbekannt, ob sie überlebt hatte oder an einem unbekannten Ort ums Leben gekommen war. In der Vorbereitung zu dem Vortrag „Von Ohligs nach Auschwitz“ konnten Daniela Tobias und Armin Schulte vom Stadtarchiv Solingen jetzt nach umfangreicher Recherche endlich ihr Schicksal klären.

Stolpersteine für Abraham und Lia Rosenbaum. Quelle: Stadtarchiv Solingen. Bearbeitung: Daniela Tobias

Abraham Rosenbaum, genannt Adolf, wurde am 14. Oktober 1884 in Rozniatow geboren, das damals noch zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte. Im Dezember 1909 zog er nach Ohligs und eröffnete am 30. März 1912 an der Düsseldorfer Straße 46 ein Geschäft für Herrenbekleidung, Schuhwaren, Kurzwaren und Arbeiterbekleidung. Zwei Jahre später meldete er unter derselben Adresse ein Gewerbe für Schuhwaren an. Auch sein Bruder Moses Rosenbaum hatte 1911 in Wald ein Schuhgeschäft eröffnet.

Annonce zur Eröffnung des Geschäfts Rosenbaum im Ohligser Anzeiger vom 29.3.1912. Quelle: Stadtarchiv Solingen via zeitpunkt.nrw

Im März 1914 heiratete Adolf Rosenbaum die am 19.10.1883 in Zempelburg in Westpreußen geborene Cilly Weissfeldt, deren Brüder Adolf und Alex nach der Jahrhundertwende in Solingen das Herrenkonfektionsgeschäft „Gebr. Weissfeldt“ gegründet hatten. Adolf Weissfeldt fiel 1915 im Ersten Weltkrieg in Frankreich und wurde unter großer Anteilnahme und mit militärischen Ehren auf dem jüdischen Friedhof am Estherweg beerdigt. Sein Bruder Alex Weissfeldt führte anschließend das Geschäft alleine weiter. Er war lange Zeit Repräsentant der Synagogengemeinde Solingen und Vorsitzender der Beerdigungsbruderschaft.

Am 22. Juni 1922 brachte Cilly Rosenbaum in Ohligs Tochter Lia zur Welt. Abgesehen von dieser Geburtsanzeige hatte es seit der Eröffnung und einer Mitteilung, dass das Geschäft 1912 am jüdischen Feiertag Yom Kippur geschlossen blieb, keine Inserate mehr von Adolf Rosenbaum im Ohligser Anzeiger gegeben, anders als bei den meisten anderen jüdischen Händlern in Ohligs, die regelmäßig Werbeanzeigen schalteten.

Die Familie galt nach späterer Einschätzung im Wiedergutmachungsverfahren als wohlhabend, lebte in einer komfortablen 4-5-Zimmer-Wohnung, führte mehr als 6.000 Schuhpaare im Warenlager und beschäftigte drei bis vier Angestellte und Hilfskräfte. Die Boykottmaßnahmen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatten zunächst keine gravierenden Auswirkungen auf den Umsatz, machten sich aber mit den Jahren zunehmend bemerkbar, so dass das Personal nach und nach entlassen werden musste.

Geschäft Rosenbaum, Düsseldorfer Str. 46 (3. Haus v. rechts), Postkarte von ca. 1926. Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 1520

1938 wurde Adolf Rosenbaum zum Verhängnis, dass er seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr als österreichischer, sondern als polnischer Staatsbürger galt. Ende Oktober wurde er in der sogenannten „Polenaktion“ über die Grenze nach Polen abgeschoben, bei der deutschlandweit mindestens 17.000 Juden verhaftet und zwangsausgewiesen wurden. Da die polnischen Grenzbehörden nicht auf diese überraschende Ausweisung vorbereitet waren und die Einreise in den meisten Fällen verweigerten, hingen die Menschen oft wochenlang in Lagern oder sogar im Freien fest. Adolf Rosenbaum hielt sich laut Auskunft der Synagogengemeinde Solingen im Januar 1939 in Warschau auf. Sein Geschäft war laut Gewerbekarte am 13.12.1938 abgemeldet worden, nachdem seit der Pogromnacht der Betrieb ohnehin eingestellt war.

Noch vor der Pogromnacht war am 8. November 1938 Cilly Rosenbaums verwitwete Schwägerin Paula Weissfeldt bei ihr in Ohligs eingezogen. Am 25. Mai 1939 meldete sich Cilly nach Düsseldorf ab, wo sie vermutlich in der Pension der Familie Lubascher an der Steinstr. 60 Aufnahme fand. Wie lange sie sich dort aufhielt, ist nicht bekannt.

In der Meldekarte von Adolf Rosenbaum aus Solingen findet sich zuletzt der Eintrag „Soll sich jetzt in Brüssel aufhalten“. Ob sich Cilly und Lia bereits in Belgien wieder zu ihm hatten durchschlagen können, ist bislang ungeklärt. Der nächste bekannte Aufenthaltsort Adolf Rosenbaums ist dann jedenfalls „C. Bellevue Nizza Cimiez“, wie aus der Wiedergutmachungsakte seines Neffen Leo Rosenbaum hervorgeht. Die südfranzösische Stadt gehörte lange Zeit zur unbesetzten Zone Frankreichs, so dass sich dort zahlreiche jüdische Flüchtlinge sammelten, die darauf hofften, von hier aus in die USA oder in andere außereuropäische Länder auswandern zu können. Von November 1942 bis September 1943 stand Nizza unter italienischer Besatzung. Bei aller Brutalität ihrer Herrschaft stoppten die Italiener die antisemitischen Maßnahmen der Vichy-Regierung und lieferten, von wenigen Ausnahmen wie dem Schriftsteller Theodor Wolff abgesehen, keine Juden an die Deutschen aus. Das Gebiet wurde vorübergehend zum Zufluchtsort für Juden aus den von Deutschen besetzten Gebieten. Nachdem Italien den Kriegsaustritt erklärt hatte, übernahmen die Deutschen jedoch auch hier das Kommando und begannen sofort mit Razzien, um Widerstandskämpfer und Juden aufzugreifen.

Spätestens jetzt müssen die Rosenbaums, in Südfrankreich auf jeden Fall wieder familiär vereint auf ihrer verzweifelten Flucht durch das kriegsgeschüttelte Europa, untergetaucht sein. Ein Zeitzeugenbericht von Joseph Sungolowsky, der als Junge in der Villa „Cottage Bellevue“ in Cimiez versteckt wurde, schildert die bangen Wochen an der Avenue Sainte Colette, die er und sein Bruder Leon getrennt von Vater, Mutter und Schwester verbringen mussten. Ursprünglich eine Kinderbetreuungseinrichtung beherbergte die Villa zu dieser Zeit die dreiköpfige Familie Rosenbaum, den 1898 in Zolkiew im habsburgischen Galizien geborenen Textilfabrikanten Léon Mark-Geschwind, der mit Lia verlobt war, ein weiteres älteres Ehepaar namens Bialystok sowie die beiden Brüder Sungolowsky. Eine Zeit lang lebten die Untergetauchten in einem notdürftig eingerichteten Kellerverschlag ohne Fenster. Die menschenunwürdigen Bedingungen in diesem Versteck trieben sie jedoch wieder in ihre Zimmer zurück. Im Oktober 1943 fand nachts eine Razzia der Gestapo statt. Die Vermieterin, Mme Lemas, gab die beiden Jungen als ihre eigenen Kinder aus, die anderen konnte sie jedoch nicht retten. Familie Rosenbaum und der ältere Herr, Mendel Bialystok, wurden verhaftet und mitgenommen. Bialystoks Ehefrau blieb zurück, da sie nicht transportfähig war. Nach der Befreiung beschuldigte sie Mme Lemas, die jüdischen Familien denunziert zu haben, und Joseph Sungolowsky wurde als Zeuge vor Gericht geladen.

Insgesamt wurden in Nizza und Umgebung 1943/44 über 3.000 Juden festgenommen und deportiert. Adolf, Cilly und Lia Rosenbaum sowie Lias Verlobter Léon Mark-Geschwind wurden von Nizza in das Lager Drancy bei Paris verschleppt. Von diesem zentralen Sammel- und Durchgangslager aus wurden bis August 1944 fast 65.000 Juden in die in Osteuropa gelegenen Vernichtungslager transportiert. In Drancy wurde von dem zuständigen französischen Polizeichef akribisch notiert, wieviel Geld und welche Wertgegenstände man Adolf und Lia Anfang November abgenommen hatte: 3.070 Francs, 1 goldene Herrenuhr Nr. 20729, 1 goldene Kette, 1 goldene lange Halskette, 1 goldenes Armband, 1 goldene Brosche, 1 goldenes Medaillon (gebrochen), 1 goldener Zahn, 1 goldene Damenuhr, 2 goldene Damenarmbänder, 4 goldene Ringe aus Platin mit Brillanten. Von Drancy aus wurde die Familie zusammen mit Léon Mark-Geschwind und Mendel Bialystok am 20. November 1943 im Transport Nr. 62 nach Auschwitz gebracht und ermordet. Für Lia ist auf der Transportliste als Beruf Dolmetscherin angegeben. Cilly steht unter dem Namen Cecile und mit einem falschen Geburtsdatum auf der Liste, weshalb sie bislang nicht im Deutschen Gedenkbuch aufgeführt wurde. Nun, da ihr Schicksal endlich geklärt ist, wird auch für sie baldmöglich ein Stolperstein an der Düsseldorfer Straße 46 gelegt werden.

Nach dem Krieg stellte Leo Rosenbaum, der Neffe von Adolf Rosenbaum, als Erbe einen Antrag auf Wiedergutmachung. Sein Vater Moses Rosenbaum hatte 1934 sein Schuhgeschäft in Wald verkaufen können und war mit seiner Familie nach Palästina emigriert. Nach dem Tod des Vaters ging Leo Rosenbaum zurück nach Deutschland. 1956 wurde er in Solingen wieder eingebürgert und gründete 1958 Schuhgeschäfte in Remscheid und Düsseldorf. Von 1961 bis 1976 betrieb er an der Hauptstraße 20-22 in Solingen eine dritte Filiale.

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