Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ pandemiebedingt nicht wie geplant im Mai 2020 eröffnet werden konnte, wurden bis Mai 2021 jede Woche Teile daraus unter dem Hashtag #closedbutopen vorgestellt.

Jedes Jahr um den 3. März findet in Solingen ein Gedenkgang statt, um an die Solinger Sinti zu erinnern, die am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort größtenteils ermordet wurden. Der Gang führt zum Mahnmal an der Korkenziehertrasse, das 2007 von der Jugendhilfewerkstatt gestaltet wurde. Unterhalb des Mahnmals, an der Potshauser Straße 10, befand sich eines der beiden so bezeichneten „Z*lager“, in denen die Familien auf Anweisung der Behörden untergebracht waren.
Anmerkung: Die ethnischen Minderheiten der Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten unter dem rassistisch geprägten Begriff „Zigeuner“ verfolgt. Diese Fremdbezeichnung beinhaltete die stereotype Zuschreibung bestimmter negativer Eigenschaften. Aufgrund der diskriminierenden Bedeutung wird hier der Begriff nicht verwendet. Nur wenige Personen nutzen ihn auch heute noch als Eigenbezeichnung.
Die ersten reichsweiten Verhaftungen von Sinti und Roma und anderen als „Z*“ bezeichneten Personen erfolgten 1938 im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“. Ab 1939 wurden weitere Angehörige dieser Minderheiten von der Kriminalpolizei in sogenannte Vorbeugehaft genommen und in Konzentrationslager gebracht. Den grausamen Höhepunkt langjähriger Diskriminierung und Verfolgung stellte im Dezember 1942 Heinrich Himmlers sogenannter „Auschwitz-Erlass“ dar. Er sah die systematische Ermordung aller Sinti und Roma vor.
Auch in Solingen wurde im Juli 1938 im Stadtrat über eine angebliche „Z*plage“ diskutiert.
„Die staatliche Polizei sorgt dafür, daß keine neuen Z[*] bleiben. Sie hat aber auch so viele Aufgaben, daß man nicht dauernd einen Beamten hinter den Z[*] herschicken kann. […] Die Männer sind meistens in Arbeit. Merkwürdigerweise sind sie bei der Arbeit fleißig und beliebt.“
Stadtrat Dr. Hofmann, Ratsprotokoll Juli 1938, Quelle: Stadtarchiv Solingen, SG 1289

Die lokalen Kripostellen hatten bei der Zusammenstellung der Deportationslisten großen Spielraum. Wer als „Z“, „Zmischling“ oder „sozial angepasster Z*“ eingestuft wurde, entschieden letztlich die lokalen Beamten der Kriminalpolizei. Das Reichskriminalpolizeiamt gab lediglich Klassifikationskriterien vor.

Nachdem die Solinger Sinti im März 1943 nach Auschwitz verschleppt worden waren, beanspruchte die Stadt Solingen deren zurückgelassenes Hab und Gut. Es wurde zur Begleichung angeblich bestehender Mietschulden zum Teil an Privatleute verkauft. Auch der erste Leiter der Solinger Gestapo-Nebenstelle, Hugo Weidner, erstand so günstig einen Radioapparat. Der Obergefreite Heinrich Reinhardt erfuhr bei einem Fronturlaub im August 1943 nicht nur, dass seine Familie bereits fünf Monate zuvor deportiert worden war, auch das Inventar der elterlichen Wohnung war bereits verkauft. Reinhardt forderte die Rückgabe, bzw. Schadensersatz für sein Eigentum, erhielt aber lediglich ein Akkordeon zurück. Er überlebte den Krieg und wohnte später in München.

Von den deportierten Solingern überlebten nur wenige arbeitsfähige Personen wie Jakob Reinhardt. Er war vom KZ Ravensbrück aus in eine Einheit der Waffen-SS zwangsrekrutiert worden. Er erlebte das Kriegsende in einem Lazarett bei Magdeburg und zog nach der Entlassung aus russischer Gefangenschaft zurück nach Solingen. Seine Frau, seine sechs Kinder und seinen Vater hatte man ermordet.


Zu den Solinger Opfern des NS-Völkermords an den Sinti zählten auch Elisabeth Straub, eine Angehörige der Jenischen. Jenische waren – ebenso wie Sinti und Roma – in der frühen Neuzeit und im 19. Jahrhundert von sozialer Marginalisierung betroffen, teilweise führten rechtliche Ausgrenzung und ökonomische Zwänge zu mobilen Lebens- und Erwerbsformen. Elisabeth Straub war 1938 nach Solingen gezogen. Während ihre Eltern und Geschwister in Waldbröl von Verfolgung verschont blieben, wurde sie selbst und ihre vier Kinder Jakob (* 1938), Berta (* 1939), Edmund (* 1940) und Hans (* 1942) von Solingen aus deportiert. Der Vater ihrer Kinder war vermutlich der Sinto Johann Reinhardt. Alle sechs kamen in Auschwitz ums Leben.
Im Rahmen der Ausstellung wurden noch einmal verschiedene Quellen miteinander abgeglichen, um die genaue Zahl der Solinger Opfer zu ermitteln. Eine endgültige Gewissheit, welche der offiziell gemeldeten Personen auch tatsächlich hier wohnten, haben wir nicht, da es sich teilweise um willkürliche Zuweisungen der Behörden an verschiedene Kommunen handelte, um die Betroffenen auf wenige Standorte zu konzentrieren. Ebenso bleibt das Schicksal einiger Personen ungeklärt, zu deren Deportation oder Verbleib keine Unterlagen vorhanden sind.
Die Mehrzahl der Deportierten wurde laut den Zugangslisten am 9.3.1943 in das Vernichtungslager Auschwitz eingeliefert. Weitere Personen wurden zu einem anderen Zeitpunkt dorthin gebracht. Insgesamt wurden mehr als 50 Solinger Sinti in Auschwitz ermordet, zwei Männer starben später im Außenlager Ellrich im Harz. Unter den Toten waren mit 29 Jungen und Mädchen mehr als die Hälfte Kinder unter 14 Jahren. Eine weitere Sintezza starb im KZ Ravensbrück, ein Sinto im KZ Mauthausen. Von sechs Männern ist bekannt, dass sie überlebten. Auch einige wenige Frauen, die bereits vor 1943 wegen Wahrsagerei verhaftet worden waren, überlebten die Verfolgung.

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen: Ratsprotokolle (SG 1289), Wiedergutmachung Elisabeth Straub (SG 16531), Akte Verkauf des Inventars der deportierten Sinti und Jenischen (SG 7679)
– Arolsen Archives, Häftlings-Personal-Karte von Arnold Meinhard aus dem KZ Auschwitz, 01010503 oS/6604697
– Daniela Tobias: Foto Mahnmal
– Ulrich F. Opfermann: „Der Civilisation kaum ähnliche, vollständig ungebildete Völker“, in: Nevipe, Rundbrief des Rom e.V. Nr. 46 (Mai 2010)
– Armin Schulte: Jakob Reinhardt in „Man soll mich nicht vergessen!“ Stolpersteine in Solingen, Schicksale 1933-1945, Solingen 2020
– Historisches Zentrum Remscheid, Stadtarchiv, L_2_52b

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.
