#closedbutopen Netzwerk der Verfolger

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand und Widerspruch hatten.

Die Gestapo war keine isolierte und allmächtige Verfolgungsinstanz, sondern eingebunden in ein komplexes Verfolgungs- und Überwachungsnetzwerk. Sie konnte sich auf die unterstützende Zuarbeit der Kriminalpolizei und der Nachrichtendienste, insbesondere auf den Sicherheitsdienst (SD), verlassen. Die Ortsgruppen der NSDAP, der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und der Nationalsozialistischen Frauenschaft (NS-Frauenschaft), aber auch Arbeits- und Wohlfahrtsämter erstatteten Anzeigen und lieferten ergänzende Informationen über verdächtige Personen und ihr soziales Umfeld. Öffentliche Behörden wie Fürsorgeämter und Parteiorganisationen übernahmen Kontrollaufgaben bei der Familienüberwachung und bei der Nachüberwachung der entlassenen „Schutzhäftlinge“. Zudem entwickelte sich eine große Denunziationsbereitschaft und ein Netz von bezahlten, erzwungenen oder freiwilligen Zuträgern, Spitzeln und V-Leuten.

Solinger Adressbuch von 1938. Quelle: Stadtarchiv Solingen

Gestapo-Nebenstelle Solingen

SA-Obersturmbannführer Alex Katerndahl (links) und SA-Standartenführer Heinrich Krahne, der 1943 zum Polizeipräsidenten von Wuppertal ernannt wurde, in der Rheinischen Landeszeitung vom 10. Januar 1938. Quelle: Stadtarchiv Solingen

Die Politische Polizei in Solingen (Abteilung I. Ad 4) bzw. die Gestapo-Nebenstelle Solingen, die ab 1. April 1934 offiziell existierte, residierte bis zum 1. April 1935 im Gebäude des Solinger Polizeiamtes an der Wilhelmstraße 43/45. Dann zog die Solinger Gestapo in das neue Polizeiamt an der Felder Straße 37/39. Sie war der Gestapoaußenstelle Wuppertal unterstellt, die ihrerseits der Stapostelle Düsseldorf, ab 1939 der Stapoleitstelle Düsseldorf, unterstand.

Der Behördenapparat ging insgesamt arbeitsteilig vor. Nicht jeder Beamte oder Angestellte in Solingen erpresste Aussagen mit körperlicher Gewalt. Oft reichte schon die Drohung, wer nicht auspacke, käme in das KZ Kemna oder zur Gestapo nach Düsseldorf. Bei überregionalen Widerstandsgruppen und führenden Funktionären wurde die Ermittlungsarbeit in den meisten Fällen an die Stapoleitstelle abgegeben. Zum Teil übernahmen die Gestapobeamten der übergeordneten Dienststellen die Folterverhöre in Solingen bzw. in Düsseldorf und Wuppertal. Die schwersten Folterungen fanden vor allem in den Haftstätten in Düsseldorf und im KZ Kemna statt.

Der Politischen Polizei bzw. der Solinger Gestapo waren zunächst sechs Polizisten fest zugeteilt: Max Döhler, Josef Koke, Gustav Flucht, Franz Schwarz, Friedrich Burmann und Max Otto. Deren Leiter war bis 1937 Hugo Weidner. 1938 folgte Josef Koke. Darüber hinaus kamen Josef Kreys, Kriminalsekretär Jenke, Heinrich Stehr, Erich Heinzelmann, Adolf Adolphs, Karl Blum, Friedrich Heinrichs und Otto Helmuth zum Einsatz.

„Von der Stunde der Verhaftung bis zur Übergabe an den Untersuchungsrichter (Müller) des Solinger Amtsgerichts, der sofort Haftbefehl erließ, bis zum 9.3.1935, also 9 Tage, war KOKE der Vernehmende und Protokollführer im Stadthauskeller Solingen. Schon beim Abführen durch seine Helfershelfer sagte KOKE der mir gegenüber schon eine drohende Haltung einnahm, zu meiner alten kranken Mutter, deren Hauptstütze ich war […], ihr Sohn wird wohl die erste Zeit nicht wiederkommen. […] Zu mir gewandt, den Befehl zum Abführen erteilen[d], sagte er dann: Wir werden jetzt mal eine Autofahrt machen, und Bürschchen ich werde dich schon weichkriegen, du wirst mir aus der Hand fressen oder in einigen Tagen die Englein im Himmel singen hören.“

Nachkriegsaussage von Karl H., Landesarchiv NRW Rheinland, Gerichte Rep. 191 Nr. 79 Bl. 2

Während Josef Koke von einigen Betroffenen als besonders bedrohlich und rücksichtslos beschrieben wurde, legten andere für ihn nach dem Krieg ein gutes Wort ein, da er sie vor Verfolgung geschützt hatte. So erklärte Dr. Hans Rüppel, dass Koke mit ihm vor einem Verhör wegen des Hörens eines Feindsenders die Aussagen abgesprochen habe und so das Verfahren eingestellt werden konnte. Auch war Koke wohl darüber informiert, dass Rüppels geschiedene Ehefrau, die jüdische Kinderärztin Dr. Erna Rüppel, unter falschem Namen untergetaucht war und weiter von ihm unterstützt wurde.

Das Personal der Solinger Gestapo wechselte häufig: Gustav Flucht musste 1938 aus Krankheitsgründen aus dem Polizeidienst ausscheiden. Max Döhler war schon 1935 zur Solinger Kripo gewechselt und setzte seine Polizeikarriere bei Einsätzen in Russland und Dänemark fort. Max Otto verstarb im März 1941. Neu eingesetzt wurden ab 1939 Karl Schneller, Anton Bittern, Paul Nees und Kriminalsekretär Rose. Koke und Schwarz blieben die ganze NS-Zeit in den Diensten der Solinger Gestapo. Eine Vielzahl der Gestapo-Mitarbeiter wurde zeitweise in den „auswärtigen Einsatz“ zur „Sicherheitspolizei“ in die besetzten Gebiete geschickt.

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen: Adressbuch und Foto Rheinische Landeszeitung
– Landesarchiv NRW Rheinland, Gerichte Rep. 191 Nr. 79: Zeugenaussagen zu Josef Koke

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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