#closedbutopen Hedwig Meyer

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Nachkriegsaufnahme von Hedwig Meyer. Quelle: Stadtarchiv Solingen, Ve 73-240

Der erste Beitrag befasst sich mit Hedwig Meyer, geb. Storsberg, am 13.12.1899 in Solingen-Ohligs geboren, geschieden, ein Kind. Ihr Fall zeigt, wie Menschen auch durch spontanen Widerspruch gegen das NS-System in die Mühlen der Verfolgung geraten konnten.

Am 3. März 1943 eskalierte ein Streit zwischen der Zugabfertigerin Hedwig Meyer und Frau S., einer Briefträgerin. Meyer hatte in der Nacht zuvor während eines schweren Luftangriffs Dienst gehabt und ruhte sich in ihrer Wohnung an der Uferstraße aus, als S. sie wegen eines Briefes störte, der gar nicht für sie bestimmt war.

Die Frauen gerieten anschließend in der Wohnung der Nachbarin Frau M. in eine Auseinandersetzung über den Krieg und die Angriffe auf Solingen, bis Hedwig Meyer sich schließlich über das „Ja-Gebrüll“ der Menge bei der Sportpalast-Rede von Goebbels empörte, der in Berlin am 18. Februar 1943 eine Begeisterung für den „totalen Krieg“ heraufbeschworen hatte. Angeblich erklärte sie erregt, dass das Volk, wenn man es fragen würde, Goebbels entgegen schreien würde: „Sofort Schluss mit dem Krieg!“

1943: Goebbels fordert den „Totalen Krieg“, zeitzeugen-portal.de (externer YouTube-Link)

Die Briefträgerin zeigte Hedwig Meyer an. Die Gestapo verhaftete sie am 8. März 1943 und verhörte sie im Polizeiamt an der Felder Straße 37/39. Der zuständige Kriminalsekretär hielt fest:

„Die Meyer bestreitet, derartige Äusserungen vorgebracht zu haben. Das war von vorneherein nicht anders von ihr zu erwarten. Sie hat der KPD als Mitglied angehört, hat sich auch in diesem Sinne betätigt. Ihr Ehemann war einer der regsten Verfechter dieser Idee, dem sie sich in dieser Hinsicht auch voll u. ganz angepasst hatte. So hält sie auch heute noch an der alten Taktik der früheren KPD, derjenigen des unbedingten Ableugnens fest und versucht, die Zeugin S. unglaubwürdig zu machen. Diese gilt jedoch als unbedingt glaubwürdig, genießt einen tadellosen Ruf und ist auch Mitglied der Partei.“

Ermittlungsbericht vom 10. März 1943, Quelle: Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58 Nr. 38717
Die lokale Gestapo-Nebenstelle befand sich an der Felder Str. 37/39 im Polizeiamt. Das Gebäude wurde während der Luftangriffe auf Solingen zerstört. Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 9081

Hedwig Meyer wurde drei Monate lang in Untersuchungshaft festgehalten. Als Begründung notierte der Kriminalsekretär:

„Da ein Teil der früher als Kommunisten bekannten Personen seit dem Fall von Stalingrad wieder sehr rege wird – was unbedingt auf die Propaganda der Feindsender zurückgeführt werden muss, war eine Auf-freiem-Fuss-Belassung der Meyer aus sicherheitspolizeilichen Gründen nicht zu verantworten. Solche Beispiele wären dazu angetan, bei den Kommunisten Schule zu machen. Dies insbesondere darum, weil die neuerdings rege werdenden Kommunisten schlecht zu fassen sind; denn die hiesige Bevölkerung hält vielfach mit der Benennung dieser Personen aus falsch verstandenem Anstandsgefühl zurück.“

Ermittlungsbericht vom 10. März 1943, Quelle: Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58 Nr. 38717

Der Prozess gegen Hedwig Meyer fand Anfang Juni 1943 vor dem Sondergericht Wuppertal statt. Sie wurde angeklagt, „gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP, über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen gemacht zu haben, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes in die politische Führung zu untergraben, indem sie abfällige Bemerkungen über die totale Kriegsführung machte“.

Die Zeugin S. konnte vor Gericht im Gegensatz zu den vier Zeuginnen und Zeugen, die für Hedwig Meyer aussagten, nicht überzeugen und verstrickte sich in Widersprüche. Ihr Vorgesetzter bei der Reichsbahn lobte Meyer für ihre besondere Kollegialität: jedesmal, wenn einer der Männer zur Wehrmacht eingezogen würde, übernehme sie freiwillig den Nachtdienst, damit die Männer noch den letzten Tag bei ihren Familien verbringen könnten.

Hedwig Meyer wurde freigelassen.

Hedwig Meyer war zwar ausgebildete Chemiewerkerin, arbeitete aber als Zugabfertigerin am Ohligser Bahnhof, hier auf einer Postkarte von 1936. Quelle: Stadtarchiv Solingen, PK 4051

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen, Ve 73-240, RS 9081, PK 4051
– zeitzeugen-portal.de: „1943: Goebbels fordert den ,Totalen Krieg'“ https://youtu.be/md6lbxsF6J0
– Gestapo-Akte Hedwig Meyer, Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58 Nr. 38717
– Inge Sbosny, Karl Schabrod: Widerstand in Solingen, Frankfurt am Main 1975

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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