#closedbutopen Organisation A

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Flugblatt der „Organisation A“. Quelle: Stadtarchiv Solingen, Na 3-1

Gegen Kriegsende bereiteten sich in Solingen verschiedene Gruppen darauf vor, eine geordnete Übergabe an die Alliierten sicherzustellen, eine militärische Verteidigung und die Zerstörung von Infrastruktur zu verhindern. Dazu zählten neben der Walder Gruppe um den Kommunisten Karl Bennert eine weitere kommunistische Gruppe um Willi Dickhut und Albert Müller in der Innenstadt, eine sozialdemokratische Gruppe um die Brüder Max, Willi und Oskar Rieß, sowie eine Gruppe, die sich „Organisation A“ nannte.

Kopf der „Organisation A“ war Dr. Alois Blaß, Medizinalrat beim Gesundheitsamt Solingen. In dieser Funktion war er an den Maßnahmen der NS-Gesundheitspolitik, das heißt an den „rassehygienischen“ Maßnahmen zur sogenannten „Erb- und Gesundheitspflege“ beteiligt. Blaß schrieb zahlreiche Gutachten für die Anträge auf Zwangssterilisierung des Gesundheitsamtes Solingen beim Erbgesundheitsgericht Wuppertal. Er musste insofern fürchten, nach dem Einmarsch als belastet zu gelten. Ferner war Karl Hartmann, Inhaber der Omega-Werke, die bis 1938 der jüdischen Familie Feist gehört hatten, einer der Organisatoren. Außerdem spielte der ehemalige Kommunist Karl Schiffbauer eine Rolle, der bei J. A. Henckels arbeitete und Kontakte zu den ausländischen Zwangsarbeitern pflegte.

In einem selbstverfassten Tätigkeitsbericht schreiben die Initiatoren:

„Wir legten besonderen Wert darauf, Mitglieder zu haben, welche ohne Rücksicht auf ihre frühere politische Zugehörigkeit oder Einstellung nur den einen Gedanken hegten, die Nazis zu Fall zu bringen und so dem aussichtslosen Weiterführen des Krieges ein Ende zu bereiten. […] Unser Hauptprogramm bestand in folgenden Punkten, Aufklärung der Bevölkerung, insbesondere des Volkssturms und der Wehrmachtsangehörigen, Verhütung von Sprengungen, insbesondere der Talsperre, Pumpstation, Wasserturm, Müngstener- und sonstige Brücken, Beseitigung von Barrikaden, Besorgung von Waffen und Munition, Unterbringung von verfolgten Ausländern und Desertierten sowie Verpflegung derselben, ferner Herstellung der Verbindung mit den anrückenden alliierten Truppen zur gegebenen Zeit, sowie Anbringung von Plakaten, aufklärenden Schriften und rechtzeitige Hissung der weißen Fahne durch die Bevölkerung. In den letzten Wochen vor der Besetzung legten wir besonderen Wert auf Fühlungnahme mit den hier stationierten Truppen, insbesondere deren Kommandeuren, zwecks Einstellung des sinnlosen Widerstandes.“

Eigenauskunft der „Organisation A“. Quelle: Stadtarchiv Solingen, Na 3-1
Oskar Rieß war bis 1933 Geschäftsführer des Solinger Spar- und Bauvereins. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ernannten diese den Sozialdemokraten zum kommissarischen Oberbürgermeister. Quelle: Stadtarchiv Solingen

Abgesehen von Flugblättern, die mit „Organisation A“ signiert waren und in der Stadt verteilt wurden, lässt sich über konkrete Aktionen der Gruppe wenig sagen, da es lediglich eine schriftliche Selbstauskunft über ihre Absichten gibt. Nach Kriegsende traten die Mitglieder der „Organisation A“ nicht mehr in Erscheinung, da sie, wie sie selber festhielten, zu dem Zeitpunkt ihre Aufgabe als erledigt ansahen.

Auch die anderen Gruppierungen verteilten in den letzten Kriegstagen Flugblätter. Die KPD verbreitete einen „Aufruf an die Bevölkerung Solingens“ während die sozialdemokratische Gruppe um die Gebrüder Rieß und Paul Kaiser ihren Flugblättern die Form einer „Anordnung“ gaben und sie mit „Antifaschistischer Aktionsausschuß“ unterzeichneten.

In seinem 3-bändigen Werk über die Klingenstadt Solingen schrieb der Chronist Heinz Rosenthal fälschlicherweise, dass „Organisation A“ „Antifaschistischer Aktionsausschuss“ bedeute. Diesen Begriff nutzte die Gruppe um Blaß jedoch nicht und sie erklärte außerdem, dass eine Zusammenarbeit mit anderen Widerstandsgruppen nicht zustande gekommen sei und mehrere Gespräche mit den Rieß-Brüdern erfolglos verlaufen seien. Die Initiatoren der „Organisation A“ behaupteten zwar weitere Einzelmitglieder angeworben zu haben, denen man aber die Organisationsstruktur, Leitung und weitere Mitglieder verschwieg. Insofern ist schwer nachzuvollziehen, welche Kreise die „Organisation A“ tatsächlich zog. Sie selber listeten 56 aktive Mitglieder namentlich auf.

Solinger!
Weiße Fahnen heraus, wenn die Amerikaner nahen!
Weg mit den Barrikaden und Panzersperren!
„Verhindert Widerstand und Verteidigung in Euren Häusern!
Macht die unschädlich, die sich dem Aufruf widersetzen!
Rettet Eure Stadt und Eure Zukunft!
Für Freiheit und Frieden!
Organisation „A“

Flugblatt der „Organisation A“, Quelle: Stadtarchiv Solingen, Na 3

Die Flugblätter der verschiedenen Gruppierungen, die sich an die Solinger Bevölkerung und an den Volkssturm wandten, stießen jedenfalls auf Resonanz. Der Volkssturm zeigte Auflösungserscheinungen, Antifaschisten beseitigten Panzersperren und nur wenige Brücken wurden gesprengt. Am 17. April 1945 „gegen 13 Uhr“, so schrieb US-Oberst Lansing in sein Kriegstagebuch, „war das gesamte Gebiet von Solingen und Umgebung in unserer Hand“. Der Einmarsch der Amerikaner fand praktisch ohne Gegenwehr statt.

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen, Na 3-1 (Nachlass Willi Dickhut)
– Heinz Rosenthal: Geschichte einer Stadt. Solingen, 3 Bände, Solingen 1969
– Inge Marßolek: Arbeiterbewegung nach dem Krieg (1945- 1948) am Beispiel Remscheid, Solingen, Wuppertal, Frankfurt am Main, 1983

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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