#closedbutopen Max Leven

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ pandemiebedingt nicht wie geplant im Mai 2020 eröffnet werden konnte, wurden bis Mai 2021 jede Woche Teile daraus unter dem Hashtag #closedbutopen vorgestellt.

Der Kaufmann und Kulturkritiker der „Bergischen Arbeiterstimme“ Max Levy, genannt Leven wurde am 12. Juni 1882 in Diedenhofen (Thionville) geboren, war verheiratet und hatte drei Kinder. Er wurde in der Pogromnacht am 10. November 1938 von führenden NSDAP-Mitgliedern überfallen und erschossen.

Als Max Leven am 12. April 1933 erstmals in sogenannte „Schutzhaft“ genommen wurde, war er bereits seit längerer Zeit Invalide. Er hatte zwar noch seine Wohnung im Gebäudeensemble der ehemaligen „Bergischen Arbeiterstimme“ und der Genossenschaftsbuchdruckerei, aber nach 1930 waren von ihm keine Artikel mehr in der kommunistischen Tageszeitung erschienen, für die er jahrelang kenntnisreich über Kunst und Kultur berichtete, aber auch zwischenzeitlich als Buchhalter gearbeitet hatte. Durch ein Nervenleiden, das wahrscheinlich Spätfolge einer Syphilis-Infektion war, konnte Leven sich nur noch schlecht bewegen und hatte vermutlich auch Gleichgewichtsstörungen.

Max Leven war wie so viele Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter im Frühjahr 1933 festgenommen worden, um die Opposition aus der Arbeiterbewegung einzuschüchtern und ihren Widerstand zu brechen. Auch sein Sohn Heinz war im März 1933 in Düsseldorf verhaftet worden. Doch während Heinz Leven dort mehrere Monate im Gefängnis blieb, brachte man Max am 30. August 1933 in das berüchtigte KZ Kemna nach Wuppertal-Beyenburg.

Karteikarte von Max Leven aus dem Strafgefängnis/Untersuchungshaftanstalt Wuppertal-Bendahl, Quelle: 3611018/11570560/ITS Digital Archive, Arolsen Archives

Hier erlebte der gehbehinderte Mann unmenschliche Schikanen. Ein Mithäftling berichtet von der sadistischen Behandlung durch einen KZ-Aufseher:

„Schutzhäftling Leven, der sehr gebrechlich war und an einem Stock ging, [hatte er] einen derartigen Tritt versetzt, dass er durch die Tür zurückflog.“

Landesarchiv NRW Rheinland, Gerichte Rep. 29 Nr. 293, Bl. 1584
Das KZ Kemna lag in Wuppertal-Beyenburg am Ufer der Wupper, Quelle: Stadtarchiv Wuppertal

Vom 24. November 1933 an war Max Leven auf dem Krankenrevier der Kemna gemeldet. Am 1. Dezember wurde er entlassen. Sohn Heinz war bereits im Oktober aus der Haft in Düsseldorf entlassen worden und in die Niederlande geflohen.

Über tatsächliche Widerstandsaktivitäten der Levens ist nichts bekannt. Dennoch gerieten Max und seine Frau Emmy 1936 erneut ins Visier der Gestapo durch ihren freundschaftlichen Umgang mit der Familie Freireich. Diese waren ebenfalls Juden und in der Weimarer Republik wohl auch Anhänger der KPD gewesen. Die Treffen erweckten die Aufmerksamkeit von Nachbarn, die die Freireichs und ihre Besucher bei dem SA-Führer Gustav Hörmann denunzierten. Der Inhaber eines Radiogeschäfts installierte auf eigene Faust eine Abhöranlage und leitete die Protokolle der Zusammenkünfte einer vermeintlichen kommunistisch-jüdischen Zelle an die Solinger Staatspolizeinebenstelle weiter.

17.42 Uhr erscheint der Jude Leven, er spricht vom Tageblatt als Intelligenzblatt. Wolfgang Ganghort (?) sei ausgebildet (?) so spricht der Jude Leven, gleichzeitig spricht man von Zuchthausstrafen, dann Unterhaltung über arische Geschäfte. 18,- Uhr kam ein Fremder (Nachbar) und pumpte sich eine Fahrradpumpe. Aus der Zeitung liest der Jude Leven eine Reihe Schriftsteller und Künstler, welche aus ihren Stellungen entlassen und bestraft wurden. 18.10 Uhr kommt wieder jemand.

Vermerk zu Max Leven aus dem Abhörprotokoll über Familie Freireich, Quelle: Gestapo-Akte Freireich, Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58 Nr. 3740 Bl. 13

Nachdem im März 1936 zuerst die Familie Freireich festgenommen wurde, folgte einen Monat später am 15. April 1936 die Verhaftung von weiteren 16 Personen, darunter Max und Emmy Leven. Beide stritten ab, etwas mit illegaler kommunistischer Arbeit zu tun zu haben und behaupteten, nur zum Zeitunglesen bei Familie Freireich gewesen zu sein. Emmy kam nach einer Woche wieder frei, Max Leven erst nach 14 Tagen. Der Gestapo war es nicht gelungen, eine kommunistische Verschwörung zu konstruieren. Die Familie Freireich wurde dennoch hart bestraft.

1995 berichtete der Widerstandskämpfer Willi Gottfried der Solinger Filmemacherin Yvonne Dobrodziej für den Dokumentarfilm „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch…“ über den Mord an Max Leven.
Korrekturen zu den Aussagen Willi Gottfrieds: 1. Die Genossenschaftsbuchdruckerei wurde 1898 in den Gebäudekomplex an der Hochstraße verlegt. 2. Die Auflage der Bergischen Arbeiterstimme betrug maximal 23.000. 3. Der Druckereibetrieb wurde seit Juli 1930 in Düsseldorf erledigt, die Genossenschaft Ende 1930 liquidiert. 4. Die Witwe Emmy Leven blieb bis zum 24.10.1941 dort wohnen, als sie zum Sammelpunkt ihrer Deportation nach Wuppertal gebracht wurde.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 entlud sich der Hass auf den Juden und Kommunisten Max Leven in tödlicher Weise. Nach Mitternacht drangen vier Mitglieder der NSDAP, die allesamt nach 1933 mit auskömmlichen Posten versorgt worden waren, in die Wohnung der Levens ein. Der ehemalige SA-Sturmbannführer und Leiter des Schlachthofs Ernst Baumann, der Kreispropagandaleiter Arthur Bolthausen, der Kreishandwerksmeister Wilhelm Tönges und der Hausmeister der benachbarten AOK Armin Ritter verwüsteten die Wohnung und schüchterten das Ehepaar ein. Armin Ritter zog schließlich eine Pistole, bedrohte Max Leven und schoss ihm in den Kopf. Danach ließen die Männer die völlig verstörte Emmy Leven allein mit dem Sterbenden zurück.

Die Wohnung der Familie Leven lag im Obergeschoss des vorderen markierten Hauses an der Hohen Gasse, heute Max-Leven-Gasse. Quelle: Stadtarchiv Solingen, Ausschnitt Luftbild von 1929, LB 91

Armin Ritter wurde zwar am nächsten Tag in einer Besprechung scharf gerügt, aber die Vernehmung war eine Farce, denn der Mord wurde zur Notwehr umdeklariert. Im Juli 1949 wurde Armin Ritter, der nach dem Krieg zunächst untergetaucht war, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Totschlag zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Richter berücksichtigte eine „Affektinkontinenz“ des Angeklagten, die angeblich von einem Schädelbruch herrührte, den er sich 1930 bei einer Auseinandersetzung mit Kommunisten zugezogen hatte. Die anderen Mittäter wurden zu zwei bzw. anderthalb Jahren Haft verurteilt.

Prozessberichterstattung gegen die Täter der Pogromnacht, Rhein-Echo, 23.7.1949, Quelle: Stadtarchiv Solingen

Emmy Leven und ihre Töchter Hannah und Anita wurden deportiert und ermordet. Heinz überlebte im Ausland und erlangte 1954 die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Quellen:
– Stadtarchiv Solingen, RS 9298, LB 91, Rhein-Echo vom 23.7.1949, Stolpersteinbiographien Familie Leven und Familie Freireich (Armin Schulte)
– Stephan Stracke: Der Novemberpogrom 1938 in Solingen, Solingen 2018
– Arolsen Archives / JVA Wuppertal, Karteikarten von Gefangenen des Strafgefängnisses und Untersuchungshaftanstalt Wuppertal, 3611018/11570560
– Stadtarchiv Wuppertal
– Landesarchiv NRW Rheinland, Gerichte Rep. 29 Nr. 293, Bl. 1584
– Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58 Nr. 3740 Bl. 13
– Horst Sassin: „unsere wundervolle revolutionäre Aufgabe“ – Max Leven, Musikliebhaber, Unabhängiger Sozialdemokrat und „fanatischer Kommunist“ in Die Heimat, Heft 35, 2019/20
– „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch…“, Yvonne Dobrodziej, 1995

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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