#closedbutopen Wenzelnberg

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten, am Morgen des 13. April 1945, wurden 71 Häftlinge, darunter 15 politische Gefangene und vier Zwangsarbeiter, aus dem Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen und dem Wuppertaler Polizeipräsidium in die Schlucht am Wenzelnberg gefahren. An ihrer Exekution in dem abgelegenen Waldstück an der Grenze zwischen Solingen und Langenfeld waren etwa 100 Gestapo- und Kripobeamte sowie Schutzpolizisten beteiligt.

Den Befehl des Generalfeldmarschalls Walter Model, vor dem Einrücken der Alliierten vor allem politische Gefangene zu töten, setzte in Wuppertal der Leiter der Gestapoaußenstelle Josef Hufenstuhl in eine konkrete Anweisung um. Leiter des Erschießungskommandos war Kriminalkommissar Theodor Goeke. Auch zehn Schutzpolizisten aus der Polizei-Bereitschaft, die an der Schule Wittkuller Straße in Solingen-Wald stationiert waren, wurden zu der Mordaktion befohlen.

„Nach Eintreffen in der Nähe der Mordstätte wurden die Leute ausgeladen und zu der Sandgrube geführt. […] Der Weg führte etwas bergan und einige Kranke mussten dahin geschleppt werden, weil sie sich selbst nicht aufrechthalten konnten. Auch befand sich ein Beinamputierter dabei. Die Gefangenen waren […] zu zweit aneinander gefesselt. Die Hinrichtung dauerte ungefähr 1 Stunde. Nach dem wurden die Anwesenden beauftragt, die Grube wieder zuzuschaufeln.“

Karl Bennert in seinem Schlussbericht für die amerikanische Untersuchungskommission

Obwohl der Widerstandskämpfer Karl Bennert zusammen mit dem amerikanischen Geheimdienst-Mitarbeiter Jerry Lilienthal in den folgenden Wochen zahlreiche Täter ermitteln konnte, wurde keiner der Verantwortlichen je verurteilt, da alle eine unmittelbare Tatbeteiligung abstritten oder sich auf Befehlsnotstand beriefen.

Auszug aus Aufnahmen von der Exhumierung und Beerdigung der Opfer vom Wenzelnberg am 30. April und 1. Mai 1945. Quelle: Accessed at United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives & Records Administration

Am 30. April 1945 wurden 40 bekannte NSDAP-Mitglieder herangezogen, um die Leichen zu exhumieren. Am nächsten Tag wurden die Ermordeten vor dem Ohligser Rathaus bestattet. Dem von den Alliierten ernannten Solinger Oberbürgermeister Oskar Rieß (SPD) war befohlen worden, 1.000 Teilnehmer für die Beerdigung zu organisieren. Es kamen 3.000 Männer, Frauen und Kinder.

Auf dem Platz vor dem Rathaus waren Einzelgräber ausgehoben, die mit Kieferzweigen und rotem und weißem Flieder geschmückt waren. Als die Lastwagen mit den Leichen eintrafen, hob das Nazigrabkommando die Leichen von den Ladeflächen und legte jede behutsam in ein neues Grab. Der Geruch, der von den Leichen ausging, war ekelerregend, der Zustand mancher Leichen furchtbar. Eine Leiche, der ein Bein fehlte, wurde zusammen mit der Krücke begraben, die ihr Besitzer mit sich geführt hatte, als er erschossen wurde. Das Begräbnis dauerte zwei Stunden, während die Zuschauer still und aufmerksam dabeistanden. Wegen des furchtbaren Geruchs bedeckten die meisten Zuschauer ihre Nasen mit Taschentüchern. Als die letzte Leiche ins Grab gesenkt war, wurden alle Anwesenden gezwungen, an den Gräbern vorbeizuziehen und einen Blick auf die Toten zu werfen, bevor die Gräber zugeschaufelt wurden. Die Bevölkerung wurde verpflichtet, sich stets um die Erhaltung dieses kleinen Friedhofes im Zentrum ihrer Stadt zu kümmern.“

Bericht über die Exhumierung, Übersetzung aus: Byrnes, Laurence G.: History of the 94th Infantry Division, S. 473, Rejek, Dokumentation, S. 10

Ein evangelischer, ein katholischer und ein jüdischer Geistlicher hielten die Trauerfeier. Als Repräsentanten der Solinger Stadtgesellschaft nahmen der katholische Pfarrer von Ohligs, Bernhards, der evangelische Pfarrer Kuhn, Oberbürgermeister Oskar Rieß sowie der antifaschistische Ausschuss teil.

Trauerfeier für die 71 Opfer des Massakers vom Wenzelnberg vor dem Ohligser Rathaus. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

„Mögen die Toten in Frieden ruhen vor diesem Rathaus und möge das Verbrechen zur Abschreckung aller Bürger dienen, damit sie alles tun, was in ihren Kräften steht, um für immer solche Unmenschlichkeiten zu verhindern. Wir sind nicht imstande, den Ozean von Tränen zu trocknen, den Hitlers Regime geschaffen hat.“

Grabrede des neu ernannten Oberbürgermeisters Oskar Rieß (SPD)

Seit 1946 finden jedes Jahr Gedenkveran­staltungen statt. 1965 wurden die sterblichen Überreste erneut exhumiert und am Mahnmal Wenzelnberg bestattet. Die Stadt Solingen war von 1965 bis 1970 und ist seit 1977 Mitausrichterin der Gedenkfeiern. 2020 fiel die Gedenkfeier erstmals wegen der Corona-Pandemie aus.

Die Namen der Opfer

​Ludwig Bau­mann, ​Hugo Bre­en­köt­ter, ​Josef Breu­er, ​Leopold Cho­cen­sky, ​Wilhelm Cle­mens, ​Heinrich Dietz, ​Christian Döhr, ​Adolf Füh­rer, ​Wilhelm Fat­scher, ​Bernhard Fun­kel, ​Johann Gal­we­lat, ​Otto Gau­dig, ​Karl Gra­bow­ski, ​Wilhelm Giet­mann, ​Albert Grandt, ​Johann Hense, ​Adolf Her­manns, ​Karl Horn, ​Wilhelm Han­rath, ​Hans Hol­zer, ​Ferdinand Jahny, ​Wincente Jan­kow­ski (Polen), ​Hermann Jäger, ​Friedrich Knopp, ​Arthur Koch, ​Friedrich Kam­lei­ter, ​Jakob Krie­ger sen., ​Josef Kuhnt, ​Heinrich Ku­bick, ​Rudolf Kä­fer­haus, ​Daniel Kresa­now­ski (UdSSR), ​Walter Kuhl­mann, ​Wilhelm Kranz, ​Max Lang, ​Erich Loh­mer, ​Paul Lisziun, ​Hermann Land­tre­ter, ​Horst Let­tow, ​Henry Lie­bisch, ​Ferdinand Mar­g­rei­ter, ​Heinrich Marth, ​Otto Mar­kus, ​Gustav Mar­nitz, ​Franz Mül­ler, ​Walter Nell, ​Josef Ni­ko­lay, ​Hubert Of­fer­geld, ​Heinrich Rode, ​Adolf Röder, ​Herbert Runk­ler, ​Sylvester Shiatecki, ​Heinrich Schlie­per, ​Karl Schulz, ​Wilhelm Stan­gier, ​Mitrofan Saitz­ki (UdSSR), ​Franz Spitz­lei, ​Theodor Schmidt, ​Johann Schy­ra, ​Paul Te­ge­t­hoff, ​Max Thie­mann, ​Josef Thie­mann, ​Heinrich Triess, ​Paul Wond­zin­ski, ​Karl Wall­ra­ven, ​Hans Wim­mers­hof, ​Wilhelm Wi­lge­roth, ​Victor Wo­ly­nec (UdSSR), ​August Zy­witz­ki, drei ​Unbekannte

Grabstein mit den Namen der Ermordeten am Mahnmal Wenzelnberg. Foto: Daniela Tobias

Quellen:
– United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park
– Byrnes, Laurence G.: History of the 94th Infantry Division
– Rejek, Annelies: Die Geschehnisse am Wenzelnberg. Eine Dokumentensammlung, Langenfeld 1995
– Stadtarchiv Solingen, Na 44 – 5, Nachlaß von Georg Artur Meistermann
– Bhatia, Lieselotte / Stracke, Stephan: In letzter Minute – Nationalsozialistische Endphaseverbrechen im Bergischen Land

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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