#closedbutopen Albert Tobias

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Albert Tobias (rechts) mit seinen Schwiegereltern Selma und Hugo Jacoby, seinem Neffen Siegfried Höhmann mit Frau und seinem Sohn Siegfried (links) ca. 1935, Quelle: Familie Tobias

Der Textilkaufmann Albert Tobias wurde am 21. Mai 1891 in Heimbach-Weis bei Neuwied geboren und eröffnete 1919 ein Herrenbekleidungsgeschäft in Solingen-Wald. Ende Oktober 1941 wurde er ins Getto von Lodz deportiert und am 5. Mai 1942 in Kulmhof ermordet. Er war geschieden und hatte zwei Söhne.

Am 1. April 1933 war auch das Geschäft von Albert Tobias vom reichsweiten „Judenboykott“ betroffen, obwohl er kein Mitglied der Jüdischen Gemeinde Solingens war. Die Walder Kundschaft hielt die Aktion nicht nachhaltig davon ab, weiterhin bei ihm einzukaufen. Nach den Unterlagen seines Freundes und Steuerberaters Eugen Kemper, der ihn bis November 1938 betreute, steigerte sich der Umsatz bis 1937 sogar deutlich. Durch die Ehe mit seiner nicht-jüdischen Frau Toni war Albert Tobias zunächst auch rechtlich zu einem gewissen Grad geschützt.

Das Herrenbekleidungs-Geschäft von Albert Tobias an der heutigen Friedrich-Ebert-Str. 120 am 1. April 1933 während des „Judenboykotts“, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 27324 (VVN-BdA)

Im Mai 1938 entschied sich das Paar das Geschäft in eine OHG umzuwandeln, die auf Toni Tobias eingetragen wurde. Das verhinderte jedoch nicht, dass der Laden in der Pogromnacht in November 1938 komplett verwüstet, die Waren zerstört, Albert Tobias in „Schutzhaft“ genommen und ins Konzentrationslager Dachau bei München verschleppt wurde. In seiner Gestapo-Akte ist vermerkt, dass ein “Treuhänder der Wirtschaft” seiner Frau erklärt habe, dass sie das Geschäft nur behalten könne, wenn sie sich scheiden lasse.

Scheidungsurteil vom 2. März 1939. Quelle: Landgericht Wuppertal

Im Januar 1939 verhandelte das Landgericht Wuppertal in seiner Abwesenheit die inzwischen eingereichte Scheidung. Als Scheidungsgrund wurde das ehemalige Hausmädchen Else Even anerkannt, obwohl sie bereits seit 1935 als „Arierin“ nicht mehr im Haushalt der Familie hatte arbeiten dürfen. Sie sagte aus, von Albert Tobias seinerzeit unsittlich belästigt worden zu sein. Toni Tobias behauptete, davon erst jetzt Kenntnis erlangt zu haben.

Kurz nachdem das Scheidungsurteil rechtskräftig geworden war, kaufte sie ein Haus samt Grundstück, so dass eventuell für eine Auswanderung vorgesehene Mittel jedenfalls nicht mehr zur Verfügung standen. Ebenso hatte sie sich geweigert die Kosten für die Rückreise aus dem KZ Dachau zu übernehmen. Nachdem Alberts Bruder Max Tobias der Gestapo Düsseldorf versichert hatte, dass sie beabsichtigten gemeinsam auszuwandern, wurde er als letzter der elf Solinger Häftlinge am 23. Februar 1939 aus Dachau entlassen und zog zu seinen Geschwistern nach Köln.

Der Jude Albert Israel Tobias, geb. 21.5.91 in Heimbach, Solingen-Wald, Menzelstr. 15 wohnhaft, betrieb bis zu seiner Festnahme, die am 10.11.1938 erfolgte, in Solingen-Wald, Göringstr. 120 ein Herrenkonfektionsgeschäft. Tobias ist verheiratet mit Antonie Jacoby, geb. 8.2.1894 in Wald, und hat zwei Söhne Albert und Siegfried. Tobias hat am 11.11.1938 durch notariellen Akt sein Geschäft an seine Ehefrau abgetreten. Die Ehefrau ist deutschblütig und hatte das Geschäft wieder eröffnet. Es wurde aber am 23.12.1938 durch polizeiliche Verfügung erneut geschlossen, weil durch die Wiedereröffnung die öffentliche Ordnung und Sicherheit gestört worden war. Von Unbekannten Tätern war erneut eine Schaufensterscheibe zertrümmert worden. Um unter allen Umständen in den Besitz des Geschäftes zu kommen und dieses wieder eröffnen zu können, hat die Ehefrau gegen ihren Ehemann die Ehescheidung beantragt. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Der Treuhänder der Wirtschaft soll entschieden haben, dass einer Wiedereröffnung des Geschäfts nichts im Wege stände, wenn die Ehe geschieden würde. Damit wäre dann auch die Arisierung des Geschäftes erledigt. Wie aus dem dargelegten Sachverhalt hervorgeht, ist die Entlassung des Tobias aus dem Kola [Konzentrationslager] wegen Arisierung seines Geschäftes nicht zu begründen. Es können auch keine Papiere vorgelegt werden, die auf seine baldige Auswanderung schliessen lassen. Falls Tobias zur Entlassung kommt, müsste sein in Köln lebender Bruder das Reisegeld vorschiessen, da die Ehefrau Tobias es ablehnt, das Reisegeld zu überweisen.

Bericht der Gestapo Düsseldorf an die Gestapo-Außendienststelle Wuppertal vom 14.2.1939. Quelle: Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58, Nr. 60195

Da Albert Tobias seit der Scheidung nicht mehr durch die Ehe mit einer Nicht-Jüdin geschützt war wurde er am 30. Oktober 1941 mit dem zweiten großen Transport von Köln in das Getto von Litzmannstadt/Lodz deportiert. Dort bekam er am 30. April 1942 eine „Ausreise-Aufforderung“. Den Betroffenen war in der Regel klar, dass diese Reise keinesfalls wie behauptet in ein Arbeitslager, sondern in den Tod führen sollte. Auch Albert Tobias schrieb eine Eingabe dagegen an die Jüdische Selbstverwaltung des Gettos. Sein Antrag auf Zurückstellung wurde jedoch abgelehnt.


„Litzmannstadt, 30.4.42

An die Kommission für Neueingesiedelte

Ich erhielt heute von der Ausweisungs-Kommission die Ausreise-Aufforderung für den 2. Mai.

Ich bin mit einer Arierin verheiratet gewesen, im April 1939 bin ich geschieden worden, in der Ehe sind 2 Söhne zur Welt gekommen im Alter von heute 20 + 23 Jahre, beide sicher im Arbeitsdienst gewesen und zur Zeit Soldaten im Felde, ich bitte aus diesem Grunde um Zurückstellung der Ausweisung.

Hochachtend Albert Tobias

Marysin Block 19/4 Ottilienstr. 8″

Letzter Brief von Albert Tobias, Quelle: Staatsarchiv Lodz, APL PSZ 1289 (L-20932 II) Bl. 896


Am 5. Mai 1942 ermordete man Albert Tobias in Kulmhof/Chelmno durch die Einleitung von Abgasen in einen LKW. Seine Leiche verscharrte man wie über hunderttausend andere im nahe gelegenen Wald.

Seit 2006 erinnert ein Stolperstein an der Menzelstraße 15 in Wald an Albert Tobias. Zum Zeitpunkt der Verlegung war sein Todestag noch nicht bekannt. Seine beiden Söhne erfuhren nie, wann und wie ihr Vater ums Leben kam.

Seit 2018 putzen SchülerInnen der Jahrgangsstufe 9 der Friedrich-Albert-Lange-Schule die Walder Stolpersteine, darunter auch den von Albert Tobias. Quelle: Daniela Tobias

Quelle:
– Daniela Tobias: Familiengeschichte mit Untiefen. Albert Tobias (1891-1942), „Die Heimat“ Heft 28, Solingen 2012
– Stadtarchiv Solingen, RS 27324
– Landgericht Wuppertal
– Landesarchiv NRW Rheinland, RW 58, Nr. 60195
– Staatsarchiv Lodz, APL PSZ 1289 (L-20932 II) Bl. 896
– Unterstützerkreis Stolpersteine Solingen (Daniela Tobias)

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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