#closedbutopen Dr. Erna Rüppel

Da die Ausstellung „… und laut zu sagen: Nein.“ auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste, stellen wir jeden Samstag Teile daraus hier vor, um ein paar Eindrücke davon zu vermitteln, welche Formen, Strategien und Bedingungen es für den Widerstand gegen das NS-System in Solingen gab und welche Folgen ausbleibender Widerstand hatte.

Das Ehepaar Erna und Hans Rüppel in den 1920ern, Quelle: Horst Sassin

Die Kinderärztin Dr. Erna Rüppel, geb. Marcus, wurde am 11. Februar 1895 in Wuppertal-Barmen geboren und wuchs die längste Zeit in Köln auf. Sie studierte – fünf Jahre nachdem Frauen in Preußen überhaupt zum Studium zugelassen worden waren – an der Universität Bonn, wo sie auch ihren Ehemann, den Internisten Dr. Hans Rüppel, kennen lernte. Nach dem beruflichen Start in einer Kurklinik in Herrenalb zog das Paar 1927 nach Solingen, wo die Brüder von Erna Rüppels Mutter lebten, und eröffnete dort eine eigene Praxis.

Ende 1933 bezogen die Rüppels ihr neu erbautes Wohnhaus mit Praxisräumen an der Augustastraße 10. Anfang 1934 nahmen sie die 14-jährige Reinhild Franz als Pflegetochter auf, deren verstorbener Vater ein Freund von Hans Rüppel gewesen war. Erna und Hans Rüppel hatten auch in Solingen schnell Freundschaften geschlossen, aber die eigentlich vorgezeichnete gesellschaftliche Etablierung und berufliche Karriere waren nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zerschlagen.

Bereits im April 1933 verlor Erna Rüppel für vier Wochen die kassenärztliche Zulassung, 1935 schließlich endgültig. 1938 wurde ihr aufgrund ihrer jüdischen Herkunft die Approbation entzogen. Auch ihr nicht-jüdischer Ehemann wurde als Leiter der Inneren Abteilung des Bethesda-Krankenhauses abgesetzt und seine Privatpraxis boykottiert. Nach dem Novemberpogrom 1938, als auch ihr Haus und die Praxis überfallen und verwüstet worden waren, entschloss sich das Paar zur Scheidung, um wenigstens ein Einkommen zu sichern. Anders als im Fall von Albert Tobias handelte es sich hier um eine einvernehmliche Scheidung, die bereits Ende Dezember 1938 rechtskräftig wurde.

„Nach unserer Scheidung blieb ich in ständiger Verbindung mit meiner Frau und wir ließen in unseren Beziehungen zueinander keine Änderung eintreten. Ich habe weiterhin meine Schwägerin und Schwiegermutter unterstützt.“

Dr. Hans Rüppel
Erna Rüppel am Kinderkrankenbett, wohl Anfang der 1920er Jahre, Quelle: Horst Sassin

Dr. Erna Rüppel versuchte nun als Lernschwester im Israelitischen Asyl, dem jüdischen Krankenhaus von Köln, beruflich wieder Fuß zu fassen und kümmerte sich gleichzeitig um ihre verwitwete Mutter Henny und ihre Schwester Grete, die wegen Kinderlähmung auf den Rollstuhl angewiesen war. Hans Rüppel unterstützte sie und ihre Familie finanziell. Der Solinger Gestapo-Beamte Josef Koke stellte ihr während dieser Zeit regelmäßig Reisegehmigungen aus, ohne die sie als Jüdin nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Köln nach Solingen hätte fahren dürfen. Hier behandelte sie 1942 noch verbliebene Jüdinnen und Juden, aber besuchte natürlich auch ihren geschiedenen Mann.

Ende Mai 1942 wurde nach einem Bombenangriff das unversehrt gebliebene Israelitische Asyl geräumt und alle Patienten und Mitarbeiter in ein Baracken-Lager nach Köln-Müngersdorf verbracht, ebenso die Mutter und die pflegebedürftige Schwester von Erna Rüppel. Um der Deportation zu entgehen und ihr eigenes Leben zu retten, floh sie auf dem Weg zum Bahnhof von einem Transport nach Theresienstadt und ging in den Untergrund. Ihre Mutter und ihre Schwester wurden kurz darauf nach Theresienstadt deportiert und kamen dort beide im September 1942 ums Leben.

Zunächst versteckte sich Erna Rüppel an verschiedenen Orten bei Freunden, unter anderem bei dem Solinger Pfarrer Johannes Lutze. Ohne Ausweis war sie auch auf Bezugsscheine anderer angewiesen, um sich zu verpflegen.

Meldekarte von Erna Rüppel bei der Stadt München unter dem falschen Namen Anna Markus, Quelle: Stadtarchiv München, historische Einwohnermeldekartei

Die Solinger Fabrikantin Milena Maritsch besorgte ihr schließlich über einen Verwandten ihres verstorbenen Mannes, der Verbindungen zum diplomatischen Dienst Kroatiens hatte, einen gefälschten kroatischen Pass auf den Namen Anna Markus, mit dem sie 1943 als Krankenschwester nach München ging und am Rotkreuzkrankenhaus Arbeit und Unterkunft fand. Auch hier wurde sie regelmäßig von ihrem Mann besucht.

Mit viel Glück überlebte sie die fast dreijährige illegale Existenz unentdeckt, obwohl ihr Aufenthaltsort sogar dem Gestapo-Beamten Koke bekannt war. Ihre Pflegetochter Reinhild, die inzwischen mit ihrem Ehemann in München lebte, hatte Erna Rüppel hingegen nicht eingeweiht. Aus Angst entdeckt zu werden, verweigerte sie auch im Frühjahr 1945 eine eigentlich notwendige Operation der Schilddrüse und hielt die schmerzhafte Entzündung bis zur Befreiung Münchens am 30. April 1945 aus.

Nach dem Krieg kam Erna Rüppel nach Solingen zurück und führte ihre Kinderarztpraxis fort, während Hans Rüppel 1946 Chefarzt an den städtischen Krankenanstalten wurde. Im gleichen Jahr heirateten sie und ihr Mann erneut. In den 1950er Jahren trennte sich das Paar jedoch wieder ohne sich scheiden zu lassen. Erna Rüppel starb am 28. Juni 1970 nach einem Herzinfarkt.

Als am 14. August 2018 ein Stolperstein für die beliebte Kinderärztin an der Augustastraße 10 verlegt wurde nahmen nicht nur ehemalige Patienten und Patientinnen daran teil, sondern auch Verwandte mütterlicherseits aus der Familie Feist, zu denen Erna Rüppel in der Nachkriegszeit regen Kontakt gehalten hatte. Sie reisten aus Israel, Schweden und Portugal an.

Quellen:
– Horst Sassin: „Überleben im Untergrund – Die Kinderärztin Dr. Erna Rüppel (1895–1970)“ in: Die Heimat 26, Solingen 2011
– Stadtarchiv München: historische Einwohnermeldekartei
– Uli Preuss: Stolpersteinfotos

Die empirische und konzeptionelle Grundlagenarbeit zur Ausstellung durch Dr. Stephan Stracke wurde mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert.

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