Hochstraße 23

Links: Hochstr 23, Bergische Arbeiterstimme, Quelle: Stadtarchiv Solingen, BASt vom 27. Juni 1925
Rechts: aktuelle Aufnahme, Juli 2020. Foto: Daniela Tobias

Bergische Arbeiterstimme (BASt)

Das Wohn- und Geschäftshaus Am Neumarkt 23 (früher: Hochstraße 23) wurde 1901 von der benachbarten Spedition Wilhelm Weber (Hochstr. 19) erbaut. 1902 wurde auf einem rückwärtig gelegenen Grundstück ein Neubau für eine Druckerei mit Wohnungen errichtet (Max-Leven-Gasse 3; früher: Hohe Gasse 4) und mit dem Haupthaus verbunden. Anschließend zogen die →  Genossenschaftsbuchdruckerei, der Verlag und die Redaktion der sozialdemokratischen „Bergischen Arbeiterstimme“ in die beiden Gebäude ein.

Änne Wagner, geb. Eckmann, in der Buchhandlung der „Bergischen Arbeiterstimme“, Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 27953

Die Nutzung des Gebäudekomplexes im Jahr 1923 beschreibt Änne Wagner in ihrer Autobiographie „Gegen den Strom?“:

  • EG: links vom Haupteingang die zwei Räume der Annoncen-Expedition, rechts vom Haupteingang die Buchhandlung der BASt
  • 1. OG: zwei Redaktionsräume, ein Bibliotheks- bzw. Sitzungsraum und die Geschäftsleitung
  • 2. OG: privater Wohnraum der Eigentümerfamilie

Die Bergische Arbeiterstimme (BASt) war 1890 als „Organ für das arbeitende Volk des Kreises Solingen“ als Parteizeitung der → SPD gegründet worden. In einer Zeit ohne Radio, Fernsehen und soziale Medien waren die Zeitung und ihre Redaktion neben der Partei- und Gewerkschaftsleitung die zentrale Institution der Arbeiterbewegung, ihr politisches und intellektuelles Zentrum. Seit 1901 erschien die BASt als Tageszeitung, 1913 lag ihre Auflage bei 13.000 Exemplaren, 1925 bei 21.000. Sie war damit neben dem bürgerlich-liberalen Solinger Tageblatt die auflagenstärkste Zeitung des Bezirks und für jeden organisierten Arbeiter eine Pflichtlektüre. Die Remscheider „Bergische Volksstimme“ war ihr mit Lokalteil angegliedert. Im Laufe ihrer Geschichte wechselte die Zeitung mehrfach die Parteirichtung, ging zunächst von der SPD zur USPD und dann zur → KPD über.

Der Konflikt in der SPD um die Kriegskredite, der 1917 zur Spaltung der SPD führte, spielte sich im Ersten Weltkrieg nicht nur auf Reichsebene, sondern auch vor Ort und in der Redaktion der BASt ab. Im Kaiserreich war der Sozialdemokrat Wilhelm Dittmann lange Chefredakteur des Blattes gewesen, und bis in den Weltkrieg hinein bestimmte er den Kurs der Zeitung mit. Unter seiner Leitung übernahm die BASt neben den Artikeln anderer Parteigrößen vor 1914 auch die wichtigsten Artikel von Rosa Luxemburg aus der „Leipziger Volkszeitung“. Im Gegensatz zum Geschäftsführer der BASt, Hugo Schaal, und zu Philipp Scheidemann, der den Wahlkreis Solingen seit 1903 im Reichstag vertrat, gehörte der für den Wahlkreis Remscheid in den Reichstag gewählte Dittmann zu den strikten Gegnern der Kriegspolitik der Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion. 1917 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der USPD. Ebenso wie er wandten sich auch die Redakteure August Christmann und Hermann Merkel von der SPD ab und traten der USPD bei. Die Berichterstattung der Bergischen Arbeiterstimme richtete sich immer stärker gegen die Kriegspolitik der SPD-Mehrheit. Stets aktuell informierte die Zeitung ihre Leser auch über den Fortgang der Revolution in Russland. Für den mehrheitlichen Übertritt der Solinger SPD-Mitglieder zur USPD im April 1917 spielte die Meinungsbildung durch die BASt eine zentrale Rolle. Als einzige USPD-Zeitung im Westen Deutschlands erhielt die BASt vorübergehend überregionale Bedeutung. Die am 5. Januar 1919 gegründete „Kölnische Volkszeitung“ erschien bis Mitte 1920 als Kopfblatt der BASt.


Zunächst aber waren in der Zeitung nach dem Weltkrieg noch beide Richtungen der SPD personell und damit auch in der Berichterstattung vertreten. Im Kampf um die Meinungshoheit wurde im Januar 1919 der Mehrheitssozialist Hugo Schaal entlassen. An seine Stelle trat der „Unabhängige“ Jean Bender. Nach Einmarsch der britischen Besatzungstruppe in Solingen blieb die BASt vom 8. Januar bis 3. Februar 1919 verboten. Das Wiedererscheinen genehmigten die Briten nur unter der Bedingung, dass die Redaktion Merkel/Christmann nicht weiter amtiere. Die Verantwortung für den Gesamtinhalt der Zeitung wurde in die Hände von Jakob Knoth und Otto Geldmacher von der USPD sowie Hugo Schaal von der MSPD gelegt. Zum Wiedererscheinen am 3. Februar 1919 druckte die BASt folgende Erklärung: „An alle Genossen: (…) als leitender Redakteur tritt Genosse Dr. August Erdmann ein, der die Zeitungen im rein sozialdemokratischen Sinne leiten wird, mit dem Ziel, die Wiedervereinigung der sozialistischen Gruppen, unter Ausschaltung des Spartakusbundes und sonstiger extrem-revolutionärer Elemente zu fördern. Die paritätische Weiterbesetzung der Redaktion, des Vorstands und Aufsichtsrates (…) wird unsere nächste und dringendste Aufgabe sein.“

Das Experiment der paritätischen Besetzung scheiterte jedoch bald. Mit dem Austritt Hugos Schaals aus der Redaktion war der Kampf um die BASt im September 1919 entschieden. Ab dem 15. September 1919 erschien in Solingen unter seiner Leitung das → „Solinger Volksblatt“ als reine SPD-Zeitung. Als im September 1920 die große Mehrheit der Solinger USPD für den Anschluss an die „Dritte“ oder „Kommunistische Internationale“ (KI) in Moskau stimmte, schied schließlich auch Hermann Merkel unter Protest aus der Redaktion der BASt aus. Die BASt wurde zunächst zum „Organ der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands, Sektion der 3. Internationale“, nur wenig später dann zu dem der KPD. Nachfolger Merkels, der sich später wieder der SPD anschloss, wurden Oskar Plenge und Anton Bödekker.

In der Weimarer Republik amtierte bis 1925 Jean Bender als Geschäftsführer der BASt, dem 1925 der von Berlin entsandte „Genosse Geschäftsführer“ (Zitat Änne Wagner) Adolf Freudenreich nachfolgte. Die politische Redaktion der BASt war zumeist mit zwei Redakteuren besetzt. Neben dem „Sitzredakteur“ (dem im Impressum genannten verantwortlichen Redakteur) war jeweils ein zweiter Redakteur beschäftigt, wobei die zweiten Redakteure häufig wechselten. Alle Redakteure hatten den von der KPD-Führung in Berlin oder der Kommunistischen Internationale vorgegebenen Kurs zu vertreten. Bis 1925 arbeitete Oskar Plenge als Chefredakteur, der 1925 für kurze Zeit von Paul Reime ersetzt wurde. Ende 1925 wurde Dr. Albert Fried (vermutlich ein Pseudonym) vom Zentralkomitee der KPD in Berlin nach Solingen geschickt. Im Zuge eines ausgleichenderen Kurses der KPD übernahm im Herbst 1926 dann Ernst Becker als neuer Parteiführer des Unterbezirks Solingen auch die redaktionelle Leitung der Zeitung. Im September 1928 gehörte die BASt unter seiner Führung zu den Zeitungen, die Ernst Thälmann in der sogenannten „Wittorf-Affäre“ scharf angriffen. Da Ernst Becker 1928 die von der Kommunistischen Internationale angeordnete Linkswendung der KPD nicht mittragen wollte und sich auch weiterhin für eine Einheitsfront der Arbeiterparteien engagierte, wurde er gegen Ende des Jahres als „Rechtsabweichler“ entlassen. Ihm folgte als Chefredakteur der ideologisch linientreue Bernhard Bästlein. Als Parteiführer wurde er von Hermann Weber ersetzt, der in der Folge die neue Parteilinie kompromisslos durchsetzte und den Kampf um die Vorherrschaft in den Gewerkschaften und gegen die „Sozialfaschisten“ in den Mittelpunkt der politischen Aktivitäten der KPD setzte.

Redaktion der Bergischen Arbeiterstimme. Quelle: Stadtarchiv Solingen, RS 13610

Als zweite Redakteure waren in den 1920er Jahren Karl Schmückle, Richard Sorge, Max Rudert (Pseudonym für Bernhard Menne), der bereits erwähnte Paul Reime und Albert Nohl beschäftigt, um nur einige zu nennen. Den Lokalteil führte in Nachfolge von Anton Bödekker seit 1923 Fritz Jung. Die Umbesetzungen der Redakteure folgten der Parteiregie. Redakteure wurden an anderen Orten oder zu anderen Zwecken gebraucht, so etwa als Parteiredner. Seltener sollten sie auch durch Ortswechsel vor drohender Verhaftung geschützt werden. In Solingen ankommende Genossen wurden gelegentlich im Gewerkschaftshaus untergebracht und wohnten während ihres Aufenthalts zeitweise auch bei anderen Parteigenossen. In Einzelfällen entstanden persönliche Freundschaften oder bestehende Verbindungen wurden verfestigt. Der aus Wien stammende Buchhändler und Literat Oskar Deutschländer wohnte beispielsweise 1925 vorübergehend bei → Max Leven an der Hohen Gasse, der nur wenig später auch zu seinem Trauzeugen wurde. Ernst Becker wiederum lebte bis zu seinem Wegzug nach Leipzig im März 1930 bei → Juscha Seilheimer.

Die wichtigste Zeitzeugin für die BASt der 1920er Jahre ist die Solingerin Änne Wagner (1904-1997). Als junges Mädchen von 18 Jahren erhielt sie 1922 eine Lehrstelle im Verlag, arbeitete dort zunächst in der Buchhandlung und später in der Redaktion. Seit 1924 war sie mit dem kommunistischen Funktionär Max Adrion verheiratet, nach der Entzweiung des Ehepaares war sie die Partnerin von Chefredakteur Ernst Becker. In ihrer Autobiographie „Gegen den Strom“ beschreibt sie die wichtigsten handelnden Personen der BASt und den Arbeitsalltag in Verlag, Buchhandlung (bis 1923 von Dr. Johannes Wertheim, dann von Oskar Deutschländer geleitet) und Redaktion.

Änne Wagner – „Gegen den Strom? Lebenserinnerungen 1904–1945“, Solingen 2000. Das Titelbild zeigt Änne Wagner im Jahr 1934.

Viele Jahre lang versieht Änne Wagner den Frühdienst in der Zeitung: „(…) jeden Morgen um sechs Uhr (…) mußte ich in der Telefonzentrale sitzen und das Pressetelefonat ‚Letzte Meldungen aus Berlin‘ entgegennehmen. Es dauerte genau neun Minuten und wurde von Berlin aus gleichzeitig an alle kommunistischen Redaktionen durchgesagt, die unserer Bezirksleitung unterstanden. Das begann mit dem Anruf ‚Hallo, hallo, bitte melden! Hagen‘, ‚Ja‘, ‚Essen‘, ‚Ja‘ usw. Danach wurde der Text langsam durchgesagt, und man mußte sich, besonders bei Namensangaben stark konzentrieren, denn eine Rückfrage war ausgeschlossen.“

Seit 1924 der Lokalredaktion und dem Redakteur Fritz Jung zugeteilt, schreibt sie über dessen journalistische Arbeitsweise: „Die vielen aus dem oberen und unteren Kreis Solingen eingehenden Berichte mußte ich jetzt zusammen mit Fritz Jung bearbeiten. Wie er die Berichte zusammenstrich und umgestaltete, entsetzte mich anfänglich. Besonders wenn er meiner Ansicht nach wortgetreuen Wiedergaben sinnentstellende Wendungen gab, die sich zwar revolutionär anhörten, aber mit den tatsächlichen Vorkommnissen nicht übereinstimmten. (…) Empörte ich mich gegen seine willkürlichen Änderungen, dann beschwichtigte er mich mit den Worten: ‚Daran wirst du dich noch gewöhnen müssen, das sind journalistische Zwecklügen, deren sich jeder Redakteur bedient.‘“ Anfang 1929 wurde Änne Wagner, die sich wie Becker der → KPO anschloss, aus der Partei ausgestoßen und von der BASt entlassen.

Auch im Kulturteil verfolgte die Zeitung einen proletarischen Standpunkt im Sinne sowjetischer Agitationspropaganda. In den 1920er Jahren war → Max Leven als Kulturkritiker bei der BASt beschäftigt. Einen wichtigen Teil der Zeitung machten aufgrund ihrer Teilnahme an der Arbeiterkorrespondenten-Bewegung schließlich die Erlebnisberichte und Reportagen von Laien aus. 1927 wurden über 2.000 dieser Berichte wiedergegeben.

Die BASt selbst wurde aufgrund der durch die Weltwirtschaftskrise entstandenen Finanzprobleme ab dem Frühjahr 1930 in Düsseldorf gedruckt, behielt aber eine Solinger Lokalredaktion. Unter anderen waren bis 1933 Albert Nohl, Max Adrion und Hermann Schneider für die Berichterstattung aus Solingen verantwortlich.

Titelzeile der Bergischen Arbeiterstimme am 31. Januar 1933. Quelle: Stadtarchiv Solingen

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und dem endgültigen Verbot der BASt nach dem Reichstagsbrand gehörten die Redakteure und andere Mitarbeiter der BASt aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit und exponierten Position in der Weimarer Republik – und vor allem, weil sie an ihrer Weltanschauung festhielten und für sie einstanden – zu den Verfolgten und Opfern des „Dritten Reichs“. Max Leven wurde in der Reichspogromnacht 1938 in seiner Wohnung an der Hohen Gasse 6 erschossen, Dr. Johannes Wertheim 1942 als Jude in Auschwitz vergast. Bernhard Bästlein nahm die Gestapo 1942 im Zusammenhang mit der Fahndung nach der „Roten Kapelle“ fest. Er wurde 1944 in Brandenburg-Görden hingerichtet. Fritz Jung starb am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht bei der englischen Bombardierung der „Cap Arcona“, auf die man mehrere Tausend Häftlinge des KZ Neuengamme verbracht hatte. Andere wurden Opfer der stalinistischen Säuberungen: Karl Schmückle, der in Moskau von 1926 bis 1936 noch an der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe mitgearbeitete hatte, und Oskar Deutschländer wurden 1938 in der Sowjetunion erschossen. Richard Sorge schließlich, der als sowjetischer Spion in Japan 1941 Stalin den deutschen Angriffstermin auf die Sowjetunion übermittelt hatte, wurde 1944 in Tokio hingerichtet.

Armin Schulte / Daniela Tobias


Adressbuch 1925:
– Genossenschaftsbuchdruckerei G.m.b.H.
Adressbuch 1927:
– Genossenschaftsbuchdruckerei G.m.b.H.
Adressbuch 1929:
– Genossenschaftsbuchdruckerei G.m.b.H.
Adressbuch 1931:
– Berg. Arbeiterstimme

Quellen:
– Änne Wagner: „Gegen den Strom? Lebenserinnerungen 1904–1945“, Solingen 2000
– Volker Wünderich: Arbeiterbewegung und Selbstverwaltung. KPD und Kommunalpolitik in der Weimarer Republik. Mit dem Beispiel Solingen, Wuppertal 1980.
– Ralf Rogge: Exposé zur stadthistorischen Bedeutung des Gebäudekomplexes Am Neumarkt 23 / Max-Leven-Gasse 3 – 5, Solingen 2019
– „200 Jahre lokale Presse in Solingen 1809 bis 2009“, Ralf Rogge in: Die Heimat 25, Solingen 2010

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